„Nicht nur Feinsinnigheit, damit die Feinsinnigen noch feinsinniger werden! Auf die Menschen zugehen!“

Von Alfred Kirchner

Wenn ich heute Stellung nehmen will zu Ihrer Bemerkung über das Theater, das kopflos sei, so soll es bitte nicht eine der mehr oder weniger vergnüglichen Kritikerbeschimpfungen sein. Ihr Verdacht, daß das Theater nicht mehr derÖffentlichkeit diene, sondern eher ehrgeizigen Macht- und Profilierungszwängen einiger Theaterleute, daß es also in Gefahr sei, zum intellektuellen und gesellschaftlichen Nachzügler zu werden, scheint mir so schwerwiegend, daß er einer grundsätzlichen Erwiderung eines Theatermenschen bedarf.

Sie haben anläßlich des Frankfurter Krachs, der Hamburger Kräche, Offenkundiges offenkundig gemacht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprang Ihnen hilfreich zur Seite, an die Verantwortlichkeit der Frankfurter Schauspielleute appellierend. Ja, die Frankfurter Rundschau verhüllte ihr Haupt angesichts der ewigen Vergeblichkeit politischer Bemühungen besonders im Theater. Schluchzend warf sie das jahrelang von ihr geforderte Mitbestimmungsmodell auf den Müll. In diesem Moment, da dem engagierten Theater der Atem stockte, haben Sie Richtiges gesagt und sind doch um Millimeter an der ganzen Wahrheit vorbeigeschossen.

Diese ist: In einer konzertierten Aktion haben seit Jahren Publizistik und ein großer Teil der Theater durch die ewige Nachbeterei der Ideologie des Ästhetischen vergessen, für Wen Theater und der kritische Teil der Presse zu wirken haben. Auf der Suche nach immer neuen Kunstdelikatessen, die man, enthoben der risikoscheuen Einheitsbreilandschaft langweiligen Normaltheaters, wie im 3-Sterne-Lokal in sich hineinschlemmen kann, wurde verspielt, für wen und unter welchen gesellschaftspolitischen Umständen Theater gemacht. werden sollte. Die sogenannte Öffentlichkeit ist dabei höchstens der Rasen, auf dem das Spiel stattfindet. Das Publikum ist kein Partner. Das Publikum wird nicht geliebt. Ist Schuhabtritt am Eingang zur Profilierungsanstalt von Produzenten und deren Kritikern.

Wo bringt Theater Bewegung in eine Stadt? Wo vermittelt es Fakten, mit denen Menschen sich auseinandersetzen können, an denen sich ihr Widerspruchsgeist, ihre Phantasie, ihre Liebe, auch Vertracktheit, wirklich entzünden? Wo gibt es. Öffentlichkeit, die das Theater als ihre Sache bezeichnet? Wo hat Theater die Courage zum Risiko, wenigstens das Bestehende so darzustellen, daß es durchsichtig wird zur Diskussion und so einen Moment der Befreiung liefert?

Hegel; Im Gedränge der Weltbegebenheiten hilft nicht das Erinnern an ähnliche Verhältnisse, denn so etwas wie eine fahle Erinnerung hat keine Kraft gegen die Lebendigkeit und Freiheit der Gegenwart.