Von Joseph Weizenbaum

Der große britische Naturwissenschaftler Lord Kelvin hat einmal gesagt, er sei immer erst dann sicher gewesen, eine Sache verstanden zu haben, wenn er sich ein mechanisches Modell von ihr gemacht habe. Eine moderne Version dieses Kriteriums lautet: Etwas verstehen heißt, ein Computerprogramm schreiben zu können, das dieses Etwas irgendwie „tut“. Lord Kelvins Kriterium beschränkt sich auf den Bereich der Dinge, die sich verstehen lassen, also auf eine spezielle Form des Verstehens. Das Computerprogramm-Kriterium hingegen soll universell anwendbar sein; dies jedenfalls behaupten diejenigen, die es anwenden, insbesondere die Mitglieder der Artificial-Intelligence-Gemeinde.

Ich glaube, Kelvin war davon überzeugt, daß er Hamlet auf eine Weise verstand, die sich fundamental von der Art des Verstehens unterscheidet, mit der er Wärmeleitungsphänomene begriff. Die AI-Gemeinde leugnet einfach die Berechtigung einer solchen Unterscheidung. Sie behauptet, daß sogar Musik, Dichtung, ja die ganze Vielfalt menschlicher Kreativität in dem strengen Sinn zu verstehen sei, daß zumindest im Prinzip Computerprogramme geschrieben werden könnten, die diese Dinge „tun“. Ebenso gelte die Umkehrung: Der einzige Grund, weshalb wir außerstande sind, ein Computerprogramm zu schreiben, das eine bestimmte Leistung vollbringen – zum Beispiel ein Gedicht schreiben – kann, ist der, daß wir diese Leistung nicht genug verstehen.

Nichts ist gegen das Verstehen einzuwenden; wenn ein neues Verständnis-Hilfsmittel gefunden wird, vielleicht eine neue Metapher, sollten wir ihm zumindest mit freundlicher Erwartung begegnen. Jedenfalls wäre eine Verurteilung unangebracht, solange das neue Hilfsmittel nicht gezeigt hat, was es vermag und was nicht. Der Computer hat als Metapher viel dazu beigetragen, unter anderem unser Verständnis der psychologischen, speziell der kognitiven Prozesse im Menschen zu erweitern. Dies ist, wenn auch nicht ausschließlich, das Verdienst der AI-Forschung, vor allem der amerikanischen. Ihr unbeugsamer Enthusiasmus, der freilich oft auf erstaunlich naiven Ideen basiert – sofern, sie überhaupt Ideen genannt werden dürfen –, hat viel zur Identifizierung der kognitiven Prozesse an Computer-Modellen beigetragen.

Einer ihrer Triumphe ist meiner Einschätzung nach die Überwindung des strikten Behaviorismus à la B. F. Skinner. Selbst schlichte Computermodelle des menschlichen Denkens demonstrieren zumindest dies: Im Gegensatz zur Lehre des strikten Behaviorismus erscheint es plausibel, daß im menschlichen Denken etwas von wissenschaftlichem Interesse vor sich geht, etwas, worüber mit einiger Klarheit und Präzision gesprochen werden kann Artifical Intelligence schickt sich lichen Beitrag zu bestimmten Gebieten der Philosophie zu leisten. Probleme, die bis vor kurzem nicht nur als extrem abstrakt, sondern auch als intuitiv nicht faßbar galten, nehmen in Gestalt eines Computerprogramms eine wesentlich konkretere, wenn nicht gar praktisch lösbare Form an.

Das Bewußtsein zum Beispiel stellt sich als ein konkretes, wenngleich nicht vollständig beschreibbares Problem bei der Konstruktion intelligenter Systeme dar, die unter anderem die Fähigkeit besitzen sollen, sich an die jeweilige Umwelt anzupassen, also auf Umweltveränderungen mit einer Änderung ihrer selbst zu antworten.

Das Problem der Sinndeutung beherrscht alle Versuche, einen Computer dahin zu bringen, daß er irgend etwas aus seiner Umwelt versteht. Das zeigt sich besonders drastisch bei dem Bemühen, Computersysteme zu entwickeln, die gewöhnliche menschliche Sprache verstehen. Mögen auch die „Lösungen“, die für dieses und andere fundamentale philosophische Probleme im Computerbereich gefunden werden, nicht voll in den philosophischen Bereich zu übertragen sein, so tragen doch die spezifischen Schwierigkeiten, die ihrer Computerlösung entgegenstehen, dazu bei, daß die bisher eher nebelhaften philosophischen Fragen manchmal klarer gestellt werden, und vielleicht zu potenriell nachprüfbaren Hypothesen führen. Der Computer als Metapher, den der amerikanische Philosoph Daniel Dennett eine„Intuitionspumpe“ genannt hat, mag für einige Gebiete der Philosophie ähnlich hilfreich sein, wie es einmal die Erfindung der chemischen Nomenklatur für einige Gebiete der Alchimie gewesen ist.