Von Lisaweta von Zitzewitz

Im Jahre 1953 erschien in Paris das „Verführte Denken“ von Czeslaw Milosz, dem polnischen Dichter und Schriftsteller, dem in der nächsten Woche in Stockholm der Nobelpreis für Literatur verliehen wird. Dieses Werk, das sogleich in mehrere Sprachen übersetzt wurde, erregte damals große Aufmerksamkeit. Doch sie galt nicht Milosz, dem Dichter, sondern Milosz, dem Abtrünnigen. Dieser hatte, bevor er seiner Heimat im Jahre 1951 den Rücken kehrte, zunächst im diplomatischen Dienst seines Landes gearbeitet. Die Notwendigkeit von sozialen und wirtschaftlichen Reformen stand nach dem Kriege für die Mehrheit des polnischen Volkes – ebenso wie für Milosz – außer Frage. Im Gedanken an die bessere Zukunft aber waren gerade viele Intellektuelle bereit, über gewisse Mißstände in der Wirklichkeit, die sich zuspitzten, hinwegzusehen. Die Schriftsteller unter ihnen gaben in ihren Werken nur einen Teil der Wahrheit wieder.

Im „Verführten Denken“ schildert Milosz nun an Hand von vier Lebensläufen bekannter polnischer Autoren, wie die Intellektuellen im stalinistisch geprägten Polen Schritt für Schritt Operationen an ihrem Bewußtsein vollführten und allmählich dem neuen Glauben verfielen. In seiner Autobiographie „West-Östliches Gelände“ (1959) schreibt Milosz, daß er damals im Pariser Exil die ganze Wahrheit sagen, die Verführung des Denkens im Stalinismus in ganzer Konsequenz aufzeigen mußte, um seiner Existenz im Westen einen Sinn zu geben.

Die Zustände, die das „Verführte Denken“ beschreibt, gehören in Polen der Vergangenheit an. Im polnischen Tauwetter 1956/57 beriefen sich viele gerade auf dieses Werk, als sie dem Stalinismus und seiner Kunstdoktrin, dem Sozialistischen Realismus, abschworen. Allmählich setzte sich in der polnischen Kultur der Pluralismus der Stilrichtungen wieder durch. Milosz andererseits hat sich seitdem mit politischen Äußerungen zurückgehalten, er ließ sich auch nicht in die antikommunistische Propaganda gewisser polnischer Emigrantenkreise einspannen. Dennoch hängt ihm noch heute das „Verführte Denken“ – nicht zuletzt auf Grund der aktuellen Ereignisse in Polen – wie ein Markenzeichen an. Das zeigen die ersten Reaktionen auf die Zuerkennung des Nobelpreises.

Gerade im Rückblick aber erweist sich, daß dieses Buch mehr ist als ein zeitgeschichtliches Dokument. Seine literarischen und intellektuellen Aussagen haben heute noch überall Bestand.

Die Faszination des Stalinismus, wie Milosz sie beschreibt, steht zum einen als warnendes Beispiel für den Menschen, der immer und überall nach einer endgültigen Wahrheit sucht, aber allzuoft unkritisch in einer verführerischen Ideologie landet. Den polnischen Intellektuellen, die im Kriege den Zusammenbruch aller Werte durchlebt hatten, bot der Stalinismus das Gefühl einer inneren Mitte, einer neuen Geborgenheit. Milosz nennt diese Ideologie stets den „Neuen Glauben“ und weckt dadurch bereits Assoziationen zur Gegenwart. Ob heute ein Mensch den Neonazismus verherrlicht, ob er das Geld anbetet oder irgendeinen Guru – immer besteht die Gefahr, daß er sein Denken für diesen Glauben auf ähnliche Weise manipuliert wie damals die polnischen Stalinisten.

Aus der Auseinandersetzung mit dem Sozialistischen Realismus schält sich zum anderen im „Verführten Denken“ ein literarisches Programm heraus, das Milosz seitdem konsequent weiterverfolgt hat. Hier kündigt sich bereits die Skepsis gegenüber dem Westen an, als er sich die Frage stellt: „Wäre man aber weniger verlogen, wenn man die Wahrheit sagen könnte?“ Milosz’ spätere Gedichte und Essays zur Kultur- und Geistesgeschichte zeigen, daß er weiterhin die westliche Welt mit östlichem Blick mißt. Aus seiner persönlichen Erfahrung heraus weiß er, wozu der Mensch unter bestimmten Bedingungen fähig ist. Er fühlt sich daher verpflichtet, immer wieder vor den Vereinfachungen der Wahrheit zu warnen.