Von Margrit Gerste

Der Unmut der Frauen über die sozial-liberale Koalition wächst. Zu wenig hat sie bisher getan, um Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Im internationalen Vergleich schneidet die Bundesrepublik bescheiden ab – Amerikanerinnen, Schwedinnen etwa haben weit mehr einklagbare Rechte. Auch in des Kanzlers Bilanzierung und Ausblick auf die nächsten vier Jahre kamen die Frauen wieder nur am Rande vor, ähnlich wie die Schwerbehinderten: 28 Zeilen, also etwa vier Minuten Redezeit widmete er ihnen in seiner Regierungserklärung. Das reichte gerade zu einem lahmen Appell.

„Viele Lösungen von gestern taugen heute nicht mehr in jedem Fall. Deshalb brauchen wir Mut zur Erneuerung.“ Dieser Satz Helmut Schmidts trifft ganz gewiß auf die Reform des Paragraphen 218 zu, obwohl er sie mit keinem Wort erwähnt hat. Die sogenannte Indikationslösung ist eine mißlungene Reform, ja, eine Reform, die in ihren Auswirkungen die Gesundheit vieler Frauen gefährdet. Dies hatte schon zu Anfang, des Jahres eine von der Bundesregierung eingesetzte Enquete-Kommission aus 14 Experten – Mediziner, Soziologen, Psychologen – festgestellt. Der 560 Seiten starke Schlußbericht der Kommission enthielt um Teil heftige Kritik an der Reform, die eigentliche Brisanz aber war zu einer Fußnote geschrumpft, in der es mit Blick auf die „schwere soziale Notlage“, die weitaus die meisten Frauen geltend machen, hieß: „Auf dem Hintergrund der dargestellten ... Sachverhalte sowie unter Berücksichtigung der relativ größeren gesundheitlichen Gefährdung bei Schwangerschaftsabbrüchen nach der 10. Woche gelangen einige Mitglieder der Kommission zu der Auffassung, daß der Deutsche Bundestag erneut beschließen möge, den Schwangerschaftsabbruch aus anderen als medizinischen Indikationen bis zur 10. Schwangerschaftswoche aus den Strafgesetzbestimmungen herauszunehmen und dabei auch auf die vorherige Zwangsberatung zu verzichten.“

Der Öffentlichkeit verschwieg Gesundheitsministerin Antje Huber sorgsam dieses Votum für eine Fristenlösung, dem sich immerhin fast die Hälfte der Experten angeschlossen hatte. Inzwischen aber liegen neue Ergebnisse vor, die die bislang kaum berücksichtigten Spätkomplikationen eines Schwangerschaftsabbruchs nach der achten Woche analysieren. Nach diesem kritischen Zeitpunkt wurden im vergangenen Jahr noch über die Hälfte aller Abbrüche vorgenommen. Dies liegt vor allem an der Konstruktion des Gesetzes: ein Hürdenlauf durch Institutionen, oft peinlich, diskriminierend, schmerzlich, zeitraubend. Aus Angst vor Ablehnung, Feindseligkeit und Willkür zögern viele Frauen die Indikationsprozedur hinaus, also: den Gang zur Beratungsstelle, die Suche nach einem Arzt, der die Indikation bescheinigt, die Suche nach einem weiteren Arzt, der den Abbruch vornimmt, unter Umständen noch Warten auf ein freies Klinikbett.

In Amerika, wo man dieses aufwendige System nicht kennt, werden 80 Prozent der Schwangerschaftsunterbrechungen bis zur achten Woche vorgenommen. Bei uns waren es im vergangenen Jahr nur rund 46 Prozent. Entsprechend höher liegt dann hierzulande die Rate der Frühkomplikationen wie Infektionen und Verletzungen der Gebärmutter in den ersten 24 Stunden beziehungsweise in den darauffolgenden vier bis sechs Wochen nach dem Abbruch. Die Komplikationshäufigkeit steigt deutlich mit der Dauer der Schwangerschaft, warnte schon die Enquete-Kommission: von 2,75 Prozent bis zur achten Schwangerschaftswoche auf 10,66 Prozent nach der 12. Woche. Jetzt weiß man auch mehr über jene Schwierigkeiten, die erst im Verlauf einer nachfolgenden gewünschten Schwangerschaft auftreten. Auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie in Hamburg wurden neue Forschungsergebnisse vorgetragen:

1. Der legale Schwangerschaftsabbruch hat Spätkomplikationen, die eine nachfolgende (gewünschte) Schwangerschaft belasten können.

2. Das Auftreten der Spätkomplikationen ist weniger von den Methoden als vom Zeitpunkt des Abbruchs abhängig.