Dokument, Museum der Leidenschaften, Horrorkabinett

/ Von Benjamin Henrichs

ImAnfang war das Wort, sagt die Bibel, „him hanflang war das wort“, sagt Ernst Jandl, und er fragt weiter: „Wenn im Anfang das Wort war, wo ist es dann heute hingekommen? Es ist flott geworden, es ist flotschsch, es hat die fortschreitende Räude bekommen.“ Wer nicht hören will, muß fühlen.

Sprechplatten sind kein Geschäft. Die meisten Leute haben keine Sprechplatten, viele haben welche und können sie nur schwer ertragen.

Wer wissen will, wo das Wort heute hingekommen ist, der muß nur einmal einen Tag lang die Ohren aufsperren und hören, hören. Während ich dies schreibe (26. November, 12 Uhr), fliegen draußen vor dem Fenster die Möwen vorbei. Hören kann ich sie nicht – denn das Hamburger Pressehaus wird umgebaut, seit Jahren schon, ein Ende ist nicht mehr in Sicht, die Baumaschinen dröhnen in mein Ohr, sie arbeiten und sie lärmen auch für meine Zukunft, ich weiß, ich danke.

Selbst das Reden ist heute kaum noch eine Form öffentlichen Nachdenkens, sondern vor allem Geräuschproduktion; als ich von zu Hause wegging (26. November, 10 Uhr), um über das Hören zu schreiben, hatte ich gerade Helmut Kohl gehört, bei seiner Antwort auf die Regierungserklärung. Zehnmal in zehn Minuten sagte der Oppositionsführer: „menschlich“ oder „Menschlichkeit“ oder „menschliche Dimension.“

Eine Hypothese: Das Reden verkommt, weil das Hören zerstört wird. Früher, denke ich mir, zu Eichendorffs Zeiten etwa, hörten die Menschen vor allem zweierlei: die Sprache ihrer Mitmenschen und die Geräusche der Natur; Musik hörte man nur zu besonderen Anlässen.