Von Knut Nevermann

Einer Anekdote zufolge wird auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“ bald geantwortet werden: „Danke, alternativ!“ Allmählich wird alternativ zu einem Synonym für gut. Und die Frage, was denn die Alternativen der Alternativbewegung seien, ist ebenso vielschichtig geworden wie die Frage, was gut (und schön) sei. Muß der Versuch, eine solche Frage in einem schmalen Taschenbuch zu beantworten, nicht notwendig scheitern? Er muß nicht.

Den Beweis dafür, daß man diese Fragen informativ, sachkundig, (selbst-)kritisch und zukunftsorientiert erörtern kann, liefert ein Buch, das zudem gut, teilweise brillant geschrieben ist:

Joseph Huber: „Wer soll das alles ändern. Die Alternativen der Alternativbewegung.“ Rotbuch Verlag, Berlin 1980; 143 S., 9,– DM.

In einem Überblick über „das ganze Spektrum von Menschen, Milieus, Motiven und Meinungen“ der alternativen Bewegungen werden elf Strömungen analysiert und als gesellschaftskritische Antworten auf unterschiedliche Systemprobleme interpretiert: Bürgerinitiativen (als Bürokratiekritik), Ökologiebewegung (als Industrie- und Technokratiekritik), alternative Lebensstile (als Karriere- und Konsumkritik), Jugend- und Altenbewegung (als Kritik an Fremdverwaltung und Entmündigung), Stadtflucht und Regionalismus (als Kritik an Zentralismus und Stadtzentrismus), Frauenbewegung und Homosexuellenbewegung (als Kritik an patriarchalischer Herrschaft und Unsinnlichkeit), Psychobewegung („der abgehobene Kopf soll sich die Mittelpunktlage des Bauches zum Vorbild nehmen“), neuer Spiritualismus (als Kritik des materialistischen Weltbildes) – dazu Friedensbewegung, Bürgerrechtsbewegung und undogmatische Linke als eher traditionelle Kritik an Staat und Gesellschaft. Diese Unterscheidungen hätten, so meint Weber, nur einen analytischen Sinn. „Tatsächlich aber sind sie ideell, personell und über formelle wie informelle Kanäle vielfach miteinander vernetzt, wie es auf Alternativdeutsch heißt.“ Es finde ein Diffusionsprozeß statt, für den die Gründung der verschiedenen „Netzwerk-Selbsthilfe“ ein sichtbarer Ausdruck sei.

Als entscheidend für die Frage, was Teil der Alternativen sei, betrachtet der Autor vor allem die Struktur ihrer Tätigkeit, nämlich die selbstorganisierten Projekte: von Landkommunen und Handwerkskollektiven über Läden; Kneipen, therapeutischen und künstlerischen Gruppen bis hin zu politischen Komitees. Der Autor schätzt, daß es in der Bundesrepublik etwa 11 000 Projekte gibt, an denen 80 000 Leute mitarbeiten. Hinzu kommt ein „Sympathisantenmarkt“ von 300 000 bis 400 000 Menschen. Zahlenmäßig sei „die Alternativbewegung also tatsächlich eine sehr kleine Minderheitenbewegung“.

In einer knappen aber nicht oberflächlichen Diskussion über Thesen zur weiteren Entwicklung der hochindustrialisierten Gesellschaften kommt der Autor allerdings zu dem Schluß, daß die Alternativprojekte im genauen Mittelpunkt des Geschehens stehen, nämlich dort, wo die duale Struktur der Wirtschaft ihren Drehpunkt hat, im Übergangsfeld zwischen dem informellen und dem formellen Sektor. „Vor der Weggabelung, an der sich unsere Zukunft entscheidet – weitere Systemausdehnung verbunden mit der weiteren Zerstörung des informellen Sektors und der sozialen und natürlichen Umwelt, oder Systembegrenzung verbunden mit einer besseren balancierten Dualwirtschaft oder einer ungleichgewichtigen Doppelwirtschaft – nehmen die Alternativprojekte eine strategisch zentrale Position ein. Oder sagen wir besser, sie können sie einnehmen.“ Obwohl der Autor sich (und dem Leser) klar macht, wie abhängig die alternativen Projekte vom System (der Megamaschine) sind und dies notwendigerweise auch stabilisieren – gerade als Avantgarde dieser „Dualwirtschaft“ sieht er die Perspektive der Alternative.