Von Hans C. Blumenberg

Die Zukunft beginnt mit einem Zusammenbruch. Aus der Ferne sieht man, wie einer der prächtigen alten Hotelkästen gesprengt wird; wie er sich noch einmal aufzubäumen scheint und dann ganz sacht in Schutt und Asche sinkt. An den Bauzäunen ringsum prangen stolze Schilder der Stadtverwaltung: „Atlantic City, you are back on the map. Again.“ Ein Ort vernichtet seine Vergangenheit. In Atlantic City an der nordamerikanischen Atlantik-Küste herrscht Aufbruchstimmung: wie in einem längst verlassenen Goldgräber-Camp, dessen letzte Bewohner unversehens noch einmal! auf eine reiche Ader gestoßen sind. Der Rausch von einst, halb schon vergessen, verwandelt die Geisterstadt wieder in eine blühende Gemeinde. Die Glücksritter kommen zurück: Boom Town.

Vor drei, vier Jahrzehnten war Atlantic City ein mondäner Badeort, ein nahes Florida für die New Yorker Gesellschaft und Halbwelt: Fun City für eine Weile, später langsam sterbend, ein schäbiger Koloß, bizarres Relikt einer kurzen Konjunktur. Im winterlichen Atlantic City drehte Bob Rafelson 1972 seinen Film „The King of Märvin Gardens“. Den nannte er selber einen „kafkaesken Alptraum“, eine Entfremdungs-Studie mit Jack Nicholson, Bruce Dem und Ellen Burstyn. Da war, für die vagabundierenden Verlierer, nichts mehr zu holen in einer Stadt, die einer greisen Hure glich.

Louis Malle, der jetzt in New York lebt, der sich seit „Pretty Baby“ (1977) für amerikanische Schauplätze, für bröckelnde amerikanische Träume interessiert, hat ein anderes Atlantic City gefunden. Seit es wieder Konzessionen für Spielcasinos gibt, seit Atlantic City die Chance gutert, das Las Vegas der Ostküste zu werden, sind in der alten Hure neue Lebenskräfte erwacht. Sie läßt sich das verwitterte Gesicht richten, schminkt sich reichlich nach den jüngsten Moden. Neues Spiel, neues Glück. Nur wenige richten sich an einem solchen Ort auf Dauer ein. Solide Existenzen fühlen sich nicht angezogen, höchstens Träumer, Spinner, Diebe, Krüppel. Atlantic City verkauft keine Gewißheiten, sondern Sehnsüchte.

Zwei sind noch von früher da: Lou (Burt Lancaster), einst ein Handlanger für die Bosse vom Syndikat, der immer gern ein großer Gangster gewesen wäre, der sie angeblich alle gekannt hat, die Al Capone und Bugsy Siegel; Grace (Kate Reid), seit langem verwelkte Gangsterbraut, bettlägerig und ständig nörgelnd, so grotesk aufgedonnert wie die Stadt, in der die normierte Blonde aus der Provinz vor vierzig Jahren hängengeblieben ist. Lou, weißhaarig und geduldig geworden von seinem langen. Abstieg, dient ihr als Botengänger, Gesellschafter, manchmal als Liebhaber. Man hat sich, alles andere als nobel, eingerichtet am Rande des neuen Aufstiegs. Lou und Grace leben in der Vergangenheit. Sie hoffen auf bessere Zeiten.

Zwei wollen mitmachen beim großen Spiel der Verlierer. Sie sind jung. Dave (Robert Joy), der aussieht wie ein Vorstadt-Hippie, aber sein möchte wie die abgeklärten Profis aus der Rauschgift-Szene, kurzhaarig, cool und gutgekleidet, kommt mit einem Paket Kokain nach Atlantic City; Chrissie (Hollis McLaren), seine schwangere Freundin, ist auf einem anderen Trip: Sie plappert von Wiedergeburt und anderen fernöstlichen Mysterien.

Eine will weg: Sally (Susan Sarandon), die tagsüber in der Austernbar eines Spielcasinos arbeitet, die sich jeden Abend mit Zitronensaft den Fischgeruch, vom schönen Leib reibt, die sich zur Dealerin ausbilden läßt und schon Französisch lernt für eine Karriere als Herrin über Black Jack und Roulette in Monte Carlo oder Deauville.