Von Klaus Harpprecht

Der gefährliche Zauber des Wiener "Fin de siècle" ist Amerika lange fremd geblieben. Die sensibleren Geister in den großen Metropolen und die Snobs, die ihre Eitelkeiten in ästhetischen Ansprüchen spiegeln, wandten ihr entzücktes Interesse fast ausschließlich der Pariser Kunstwelt der Jahrhundertwende zu. Sie nahmen selbstverständlich auch die Geschöpfe der Londoner Dekadenz zur Kenntnis, Oscar Wilde und Beardsley. Sie warfen dann und wann sogar einen Blick auf Berlin. Doch die Hauptstadt der Donaumonarchie stellte sich ihnen, wenn überhaupt, nur durch Sigmund Freud oder durch Vermutungen über die Lotterjahre des jungen Hitler dar.

Es ist umso überraschender, daß eine Sammlung von Essays aus der Feder eines Princeton-Professors einen geradezu dramatischen Erfolg bei der Kritik fand:

Carl E. Schorske: "Vienna – Fin de Siècle. Politics and Culture"; A Knopf Verlag, New York 1980; 378 S., 19,55 $

Man könnte unterstellen, daß die aufmerksamen Beobachter unseres Jahrhunderts endlich präzisere Auskunft über die Welt verlangten, in der ein Hitler gedeihen konnte, obschon von dem kleinen, überbekannten Postkartenmaler aus Braunau und Linz an der Donau so gut wie nicht die Rede ist. Jenes Wien, das Schorske beschreibt, war ohne Zweifel seine Stadt und war es doch nicht; er war von ihrem künstlerisch-intellektuellen Milieu fasziniert und zugleich abgestoßen, im doppelten Sinn des Wortes.

Was kannte er denn von jenem Wien, das sich so verführerisch und beschwerend in die europäische Kulturgeschichte des vergangenen Jahrhunderts eingeschrieben, eingezeichnet, eingesungen hat? Fast nichts, soweit wir wissen. Und dennoch kann und muß man ihn in dem großen Wiener Zeitgemälde aufspüren: den anonymen Jüngling, den gesichtslosen Außenseiter, die stumme Randfigur, von allen wichtigen Ereignissen ausgeschlossen und trotzdem, in negativer Spiegelung, tief von den Prozessen geprägt, Produkt der Epoche, von der er nichts, nahezu nichts zu verstehen schien. War er gerade darum zum Vollstrecker ihrer Mißverständnisse berufen? Carl E. Schorske, übrigens geborener Amerikaner, begreift Geschichtsschreibung als die umfassende Darstellung nicht nur der politischen, sondern vor allem der geistigen und sozialen Entwicklungen. Sein einleitender Beitrag zur Literatur nimmt sich für uns Europäer ein wenig zu eng aus. Er befaßt sich ausschließlich mit Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal. Beide sind auch gebildeten Amerikanern kaum ein Begriff. Schnitzler kennen sie, wenn überhaupt, nur durch Ophül’s Verfilmung des "Reigen". Seine Dramen werden kaum aufgeführt. Seine Romane blieben zum großen Teil unübersetzt. Hofmannsthal ist für sie der Librettist von Richard Strauss. Um so besser, daß Schorske diese beiden Gestalten für ein breiteres Publikum skizzierte. Sein spröder Stil eignet sich allerdings kaum dazu, den Charme einer Generation deutlich zu machen, die "früh gereift und zart und traurig" dem Ende einer Epoche entgegen träumte: von keinen verpflichtenden Werten konfessioneller Bindung, politischer Übereinkunft oder gesellschaftlichen Konvention mehr geschützt, vielmehr in der Erhöhung der Kunst zur Religion des Lebens in ihrer Verletzlichkeit gesteigert.

Die Wiener Literatur war freilich reicher als die beiden Namen anzeigen. Es müßte mehr von Karl Kraus die Rede sein, von Hermann Broch, und man wünschte sich, Schorske hätte sich intensiver der Vermittlung Robert Musils bedient, der tiefer als jeder andere ins Geflecht des Existenzgefühls diesen Zeitalters vorgedrungen ist. Überdies gibt es den "Mann ohne Eigenschaften" in einer englischen Übersetzung, die bei ihrem Erscheinen vor gut zwei Jahrzehnten stürmisch gefeiert wurde. Man stellte dieses große Werk damals völlig zu Recht gleichrangig neben Thomas Manns "Zauberberg". Nirgendwo wird die völlige "Entfremdung" der intellektuellen Welt von jener des Bürgertums präziser beschrieben – und damit eine wesentliche Existenzbedingung des jungen Hitler bloßgelegt.