Es ist ein Gefühl, als hätte man ein altes Photoalbum auf dem Speicher gefunden. Was, das, soll die Apo gewesen sein? Diese adretten jungen Männer mit Schlips und Jackett, das waren! doch nicht die „Randalierer“ der sechziger Jahre. Diese Frauen in Miniröcken, mit Dauerwellen und aufgeschlossenen Gesichtern, die den Polizisten ganz unbefangen Blumen zustecken, das waren die „Traumtänzer“, das war die „rote SA“, wie die Bild-Zeitung am 3. Juni 1967, dem Tage nach dem Attentat auf Benno Ohnesorg schrieb?

Gerade etwas mehr als zehn Jahre sind es her, und schon wirken die Bilder, die Michael Ruetz jetzt in seiner Chronik der Apo zusammenstellte, wie Dokumente aus einer ganz anderen Zeit:

Michael Ruetz: „Ihr müßt diesen Typen nur ins Gesicht sehen“ – APO Berlin 1966–1969, Verlag Zweitausendeins, 25,– Mark.

Die Polizisten mit den Tschakos sehen noch fast gemütlich aus, haben noch nicht jenen gleichförmigen Roboter-Look wie heute. Es gibt noch keinen Nato-Draht und die Schlagstöcke sind höchstens halb so lang.

Dafür gibt es aber noch eine Diskussion zwischen den Generationen, sieht man doch Mitglieder der „offiziellen“ Gesellschaft auf den Veranstaltungen der Protestierenden: Heinrich Albertz, Gerd Bucerius, Ralf Dahrendorf, Günter Grass und Harry Ristock. Würde man sie heute noch in Gorleben finden?

Demonstrationen des SDS, sie waren voller Witz, voller Überzeugung und entlarvten häufig genug das Establishment. Das Schlimmste, was sie damals machten, war, das Rektorat der Freien Universität zu besetzen. Erst trug der Fleischerlehrling Gaffron die Robe des Rektors, dann streifte sich Fritz Teufel den Talar über. Oh, welche Blasphemie.

„Ihr müßt diesen Typen nur ins Gesicht sehen“, sagte Bürgermeister Klaus Schütz im emotionsgeladenen Berlin. Michael Ruetz hat das getan. Mit der Kamera. Er war der Photograph der Apo, war immer und überall dabei. Als die Gewalt noch strikt tabu war, wollten die Demonstranten Augenzeugen haben, glaubten sie doch fest, das Recht auf ihrer Seite zu haben.

Ja, man muß diesen „Typen“ heute noch mal ins Gesicht schauen: So viel Idealismus, so viel Hoffnung, es war schon gefährlich. Die Photos zeigen es am Schluß des Bandes: Beide Seiten, Demonstranten und Polizisten, werden brutaler. Die aufgestaute Wut schlug 1968 in Gewalt um. In der „Schlacht vom Tegeler Weg“ am 4. November wurde urplötzlich die Polizei mit Pflastersteinen angegriffen, 130 Beamte und 21 Demonstranten wurden verletzt. Das Ende der Apo begann. M. Sch.