Friedrichshajen

Die Zahnradfabrik in Friedrichshafen ist ein großes, international verzahntes Unternehmen. Mit einem Mehrheitsanteil von 69,3 Prozent ist sie zum Beispiel bei der ISA (Industrias Subsidarias des Aviacion S.A.) im spanischen Sevilla beteiligt. Im Sommer letzten Jahres statteten ein Aufsichtsrats- und ein Vorstandsmitglied der Friedrichshafener Firma der ISA einen Besuch ab – das ist üblich. Zur gleichen Zeit weilte – auf Einladung der Friedrichshafener Herren – noch ein anderer Besucher bei der ISA in Sevilla: Reinhold Schwämmle, der Leiter der Zentralen Konzern- und Großbetriebsprüfungsstelle für den Oberfinanzbezirk Stuttgart. Und das war ein nicht unbedingt üblicher Besuch.

Ein Mann wie der Leitende Regierungsdirektor Schwämmle, dienstlich mitverantwortlich für die jährliche Betriebsprüfung der Zahnradfabrik, mit Einsicht in die Bücher aller großen Firmen seines Bezirks, mit ungewöhnlich hohem Wissensstand über die Wirtschaft eines großen Teils des Landes Baden-Württemberg – ein solcher Mann sollte nichts tun, was auch nur den leisesten Zweifel an seiner Diskretion und seiner Unbestechlichkeit aufkommen lassen könnte. Dies jedenfalls meinte der Friedrichshafener SPD-Landtagsabgeordnete Hermann Precht, als er einen Sommer danach von Schwämmles „Urlaubstagen“ in Sevilla erfuhr. In einem Brief an den zuständigen Finanzminister Guntram Palm äußerte er seine Bedenken zu dem Verhalten des Beamten und bat, zu überprüfen, ob „im Rahmen oder als Folge von dienstlichen Beziehungen man sich unübliche Vorteile gewähren“ lasse.

Schwämmle selbst bestätigte nach dieser Intervention seinem direkten Dienstherrn, dem Stuttgarter Oberfinanzpräsidenten, die spanische Begebenheit – aus seiner Sicht: Während eines Sommerurlaubs sei er bei einem Restaurantbesuch in Sevilla „überraschenderweise“ mit dem Friedrichshafener Oberbürgermeister Martin Herzog, zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Zahnradfabrik AG, und dem für das Ressort Finanzen und Verwaltung zuständigen Vorstandsmitglied Werner Henneberg zusammengetroffen. Beide seien so freundlich gewesen, ihn einzuladen. Schwämmle: „Selbst wenn ich, entgegen meinen beruflichen Neigungen, desinteressiert gewesen wäre, hätte ich diese Einladung aus Gründen der Höflichkeit unmöglich ablehnen können.“

Das Pikante an der Einladung: Die ISA arbeitet derzeit nicht unter den besten finanziellen Bedingungen; was die Friedrichshafener Mutter-Firma einmal investiert hat, besitzt nicht mehr den eingesetzten Wert. Die Friedrichshafener haben deshalb den Wunsch nach einer Wertberichtigung, um eine Reduzierung der Steuerpflicht zu erreichen.

Nicht nur wegen der „Zufallsbegegnung“ von Sevilla mag der Abgeordnete Precht nicht mehr so recht glauben, daß der Chefkontrolleur, wie er seinem Oberfinanzpräsidenten schrieb, „die dienstliche, die geschäftliche und die private Sphäre ganz streng trennt“. Da ist nämlich noch Frau Schwämmle, die seit längerer Zeit drei Appartements im Kurort Bad Teinadi betreibt. Ein Doppelappartement und ein Terrassenstudio vermietet sie ganzjährig an ein Friedrichshafener Großunternehmen: die Zahnradfabrik. Auch die Zeppelin-Metallwerke, die gleichfalls Schwämmles Prüfungsaufsicht unterliegen, haben bei den Schwämmles eine feste Ferien-Unterkunft. In einem solchen Kurort Dauermieter zu haben, ist günstig, da Gäste sonst nur zur Saison anreisen.

Schwämmle indes, der „Einzelheiten des Betriebs meiner Frau ganz bewußt nicht zur Kenntnis“ nimmt, versucht, Unmut über seine gesellschaftlichen Kontakte auszuräumen („... hat meine Frau auf Befragen erklärt...“): Die Wohnungen seien, schrieb er seinem Vorgesetzten, mit etwa 80 Prozent so außergewöhnlich stark „unter Gewährung erheblicher Rabatte vermietet“, daß sich sogar die „Frage des kostendeckenden Mietpreises stelle“. Bei seiner Kalkulierung der mangelhaften Nutzung der von der Zahnradfabrik ganzjährig gemieteten Wohnungen habe der Abgeordnete Precht wohl „die außerhalb seines Gesichtsfeldes liegenden großen Betriebsstätten und Tochtergesellschaften“ und natürlich auch die „Geschäftsfreunde der Firmen“ vergessen, die sehr wohl in Frau Schwämmles Wohnungen ein Unterkommen finden.