Auch bei den Gebildeten unter seinen Verehrern ist das alte Österreich zumeist nur gegenwärtig als eine einzige elegische Abschiedssymphonie, eine von Apokalypsen umwitterte Stätte der Spätblüte, ein Residuum für Nostalgien und Neurosen. Dabei droht übersehen zu werden, wie viele Anfänge in diesem Ende enthalten waren. Die Donaumonarchie, bereits zu Lebzeiten zum Anarchismus geworden, bildete gleichwohl das Gefäß für eine einzigartige Kumulation von Begabungen, für fruchtbare Verwerfungen wie atemberaubende Assimilationen. Ein vorzüglich ausgestatteter Bild-Text-Band serviert diese Einsicht jetzt gleichsam in kulinarischer Aufbereitung:

„Marksteine der Moderne. Österreichs Beitrag zur Kultur- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts“; hrsg. von Rupert Feuchtmüller und Christian Brandstätter, Text von Johann Christoph Allmayer-Beck. Molden Edition, Wien 1980; 134 S., 120,– DM.

Der Band, der als eine Art Jahrhundert-Rückblick angelegt ist, um die kulturelle und geistige Produktivität Österreichs zu dokumentieren, beleuchtet sein Thema in einer Breite, die sich nicht immer von selbst versteht. Er verbindet, was zusammengehört, weil es dem gleichen, fruchtbaren Boden entsprang: bildende Kunst, Literatur, Musik, Architektur, aber eben auch Philosophie, Medizin, Naturwissenschaften und Sozial- und Geisteswissenschaften. In Bildern, knappen Hinweisen und ausgewählten Zitaten ruft er das „junge Wien“ der Hofmannsthal und Schnitzler ebenso in Erinnerung wie die Wiener Schule in der Medizin, Klimt wie die Wiener Werkstätten, die Psychoanalyse wie die großen Nationalökonomen von Menger bis Schumpeter. Und weil es sich um eine mit etlichem österreichischen Patriotismus gesalbte Rückschau handelt, verfolgt der Band auch die Ausstrahlung dieses großen Aufbruchs – ins Österreich von gestern und heute, nach Europa, nach Amerika. Eine „stille Revolution“ nennt Allmayer-Beck das, was sich in Österreich am Ende des 19. Jahrhunderts begab, in seinem weit ausgreifenden, kenntnisreichen, allenfalls mit etwas zu viel Kulturphilosophie versetzten Einleitungs-Essay. Das Wort ist in Gefahr zu inflationieren. Hier ist es angebracht. Rdh.