Von Karl Dietrich Bracher

Über weniges in deutscher Vergangenheit und Gegenwart läßt sich heftiger streiten als über öffentlichen Dienst, und Beamtentum, über Staat und Bürokratie. Schon nach dem Ersten Weltkrieg rührten die Diskussionen um Unparteilichkeit und Reform, um das Ethos und die Schwächen des Berufsbeamtentums an die Grundfragen der (Weimarer) Demokratie. Und das Scheitern von 1933 wurde oft in engen Zusammenhang mit dem renitenten Verhalten der Bürokratie oder ihrer allzu bereitwilligen Anpassung an die neuen Machtverhältnisse gebracht. Herbert von Borch ging so weit, in seinem bedeutenden, 1957 erschienen Buch „Obrigkeit und Widerstand“ das Beamtentum im modernen Staat zum wirksamsten Hebel des Widerstands zu erklären und in diesem Licht auch das Versagen von 1933 zu sehen.

Heute kann man ähnliche Erklärungen und Deutungen hören, nun freilich in umgekehrtem Sinne: nicht die „Neutralität“ oder „Überparteilichkeit“ des Beamtentums erscheint den Kritikern anstößig oder gar verhängnisvoll, sondern gerade die strenge Verpflichtung auf eine betonte Verteidigung der Verfassung ist es, die nun kritisiert wird. In Wahrheit suchte die Bundesrepublik auch in diesem Punkt konsequenterweise die Fehler von Weimar zu vermeiden: an die Stelle der wertneutralen wurde die wertbetonte Loyalitätspflicht des Beamtentums gesetzt, statt der allgemeinen Staatsbindung gilt nun die konkrete Demokratieverpflichtung im Sinne des Grundgesetzes. Es ist darum auch eine Verfälschung, wenn der Kampf gegen angebliche „Berufsverbote“ mit dem Argument „Weimar ist kein Argument“ geführt wird (wie sich ein rororo-Bändchen von Freimut Duve betitelt, das Texte der Forschung über die Weimarer Republik aus dem Zusammenhang reißt).

Zu diesem Streit kommt das Buch, das hier anzuzeigen ist, gerade recht:

Hans Hattenhauer: „Geschichte des Beamtentums.“ Handbuch des öffentlichen Dienstes, hrsg. von Walter Wiese, Band 1; Carl Heymanns Verlag, Köln 1980, 486 S., 89,– DM.

Der Kieler Rechtshistoriker bringt das staunenswerte Kunststück fertig, das Thema Beamtentum in all seinen wesentlichen Verzweigungen vom frühen Mittelalter bis zur Gründung der Bundesrepublik zu behandeln – und dies nicht in ermüdender Aufzählung von Fakten und Institutionen, sondern in fesselnder und oft amüsant erzählender Weise, mit vielen anschaulichen Beispielen und in erfrischend deutlicher Sprache, auch bei der Beurteilung der Höhen und Tiefen der Geschichte.

Die Anlage des Buches ist durchaus originell, reichhaltig im Material, voller Facetten und oft geradezu spannend zu lesen. Es ist abgewogen in der Auswahl der Schwerpunkte und umfaßt trotz unvermeidlicher Lücken und Verkürzungen doch alle wesentlichen Perioden und Problemkreise. Dabei geht der Verfasser historisch vor, schiebt aber geschickt immer wieder die systematischen Fragen ein.