ZDF, Sonntag, 30. November: "Zur Person: Hannah Arendt" von Günter Gaus

Wie eine sehr alte Frau sah sie aus, 1964, und dann auf einmal wie ein ganz junges Mädchen; in Sekunden verjüngt, in Sekunden gealtert, mal halbes Kind, mal fast eine Greisin, aber zu keinem Augenblick das, was sie wirklich war: eine Dame von sechsundfünfzig Jahren.

Dame? Eine Intellektuelle redete hier, präzise, glänzend und pointenreich formulierend ("die Liebe läßt sich nicht an den Verhandlungstisch bringen"), entschlossen, dem Frager ihr gegenüber nichts durchgehen zu lassen und immer bereit, das Besondere, das in diesem Gespräch zur Diskussion stand (Schicksal einer aus Deutschland stammenden Jüdin), ins Allgemeine, das Konkrete ins Abstrakte zu kehren.

Und umgekehrt! War von Auschwitz die Rede, dann wurde neben dem Höchsten, dem Verbrechen gegen die Menschheit, was umfassender als ein Verbrechen gegen die Judenheit sei, auch das Bescheidenste – und allein Wichtige! – ins Blickfeld gerückt: das Empfinden eines einzelnen Juden zwischen Leben und Tod.

Und dann plötzlich, mitten im philosophischen Disput, die saloppe Rede,Umgangssprache und beinahe plebejischer Witz: die Ausgezeichnete, deren Mutter ans Direktorat eingeschriebene Briefe zu schreiben pflegte, wenn von Seiten des Lehrkörpers antisemitische Äußerungen fielen, skizziert einen Berliner Kriminalkommissar, der, im Jahre 1933 zur politischen Abteilung überstellt, in der Jüdin die von vornherein Unschuldige sieht, denn die Ganoven, die sind ihm ja alle seit langem bekannt...

Als ich Hannah Arendts Plädoyer für den Berliner Polizisten hörte – mit welcher Verve und Humanität wurde hier ein Mann von der anderen Seite verteidigt! –, dachte ich an den Schluß ihrer Hamburger Lessing-Rede und jenes Bekenntnis zur Menschlichkeit, die im gleichen Augenblick gefährdet sei, wo die eine Wahrheit an die Stelle der verschiedenen Meinungen trete.

Immer zwischen den Fronten, immer nach beiden Seiten geblickt: den Staat Israel und die durch ihn gewonnene Freiheit verteidigend, trat Hannah Arendt an und beklagte zu gleicher Zeit den durch die Staatsgründung bedingten Verlust einer Mentalität, die der Bindungslosigkeit und Zerstreutheit bedarf, um wirksam zu werden – der Vorurteilsfreiheit von Menschen, die außerhalb der durch Normen und Tabus bestimmten Gesellschaftsordnung entstehen.