In Frankreich sorgen die Erinnerungen eines Ex-Agenten für Schlagzeilen. Sie beschreiben, wie der Geheimdienst von prominenten Politikern unbedenklich eingesetzt worden ist.

James Bond hätte seine helle Freude. Sein Kollege Martel Le Roy arbeitete immerhin bis 1967 als Agent des SDECE (Service de documentation exterieure et de contreespionnage), des französischen Geheimdienstes. Dessen Memoiren wecken Zweifel, ob der Begriff Spionage in Paris nicht zuweilen etwas großzügig ausgelegt wird.

Denn eigentlich darf der SDECE mit seinen 2000 Beamten (davon fast die Hälfte Militärs) auf der Suche nach. Staatsfeinden nur im Ausland arbeiten. Und diese Einschränkung wird offensichtlich bei Bedarf übersehen. Da wollte zum Beispiel 1964 der damalige Finanzminister und heutige Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing wissen, was die Amerikaner bei den Zollverhandlungen der Kennedy-Runde im Schilde führten. Der SDECE nahm sich den amerikanischen Delegationschef George Ball vor. Als der Unterstaatssekretär aus Washington in einem Hotelzimmer mit seinen Mitarbeitern die Marschroute diskutierte, hörten die Franzosen mit – über vorher eingebaute Wanzen. Nachts klauten sie dann Ball auch noch die Aufzeichnungen aus der Westentasche. Ein Mitarbeiter Giscards brachte die Erkenntnisse mit einem Sonderflugzeug unverzüglich von Cannes nach Paris.

Le Roy, der sich mittlerweile vom Geheim- zum Immobilienagenten gewandelt hat, war nach eigener Bekundung einer der führenden Tresorknacker, Einbrecher und Mikrofilmer der Branche. Den Trick mit den „Klempnern“, durch Watergate berühmt geworden, will er schon lange vor den Amerikanern praktiziert haben, und sein „Service 7“ begutachtete an manchen Tagen über 20 Diplomatenkoffer zwecks Ablichtung und Entschlüsselung der Post. Das Glanzstück des Agenten Le Roy ging allerdings daneben: Er schaffte es nicht, für General de Gaulle einen atomaren Sprengkopf der US-Armee aus Frankfurt zu entwenden. 1967 mußte Le Roy schließlich den Dienst quittieren, als die SDECE-Leute an der Entführung des marokkanischen Oppositionsführers Ben Barka beteiligt waren.

Natürlich wird jetzt von einem „Watergate an der Seine“ geredet. Nichts ist unrealistischer: In Frankreich sind sogar die Gerichte bereit, die Installation von Abhöranlagen meiner Zeitungsredaktion mit dem Argument zu decken, es habe der Verdacht auf Spionage bestanden. Und wo käme man schließlich hin, wenn ein Minister erst die Verfassung konsultieren müßte, bevor er einem gutgläubigen Amerikaner die Westentasche ausräumen läßt?

Klaus-Peter Schmid (Paris)