Von Rolf Michaelis

Wozu ist ein Patenonkel da? Zum Geschenke-Madien. Und daß er einen abholt zu Spaziergängen, die am Spielplatz vorbei in die Welt führen, auch in deren dunklere Gassen. Und daß er erzählt, wovon Papa und Mami (selbst, wenn er sich für emanzipiert, sie sich für aufgeklärt hält) erst sprechen, nachdem sie sich geräuspert haben.

Wenn diese Definition halbwegs stimmt, ist Horst Janssen ein guter Patenonkel. Er setzt sich am Vorabend zum ersten Geburtstag seines Patenkindes an das Malpult, das diesem Dichter-Maler stets auch Schreibtisch ist, und malt und schreibt und phantasiert seinem „lieben kleinen Johannes“ ein Geschenk zusammen. Und wie das so geht, wenn eine Sache über Nacht fertig werden soll, wird das erstbeste Papier auf dem Arbeitstisch genommen, auch wenn es schon bedruckt oder verkritzelt ist: So ergeben sich reizvolle Spannungen aus chinesischen Federzeichnungen, die mit Farben übermocht oder auf den Kopf gestellt werden und den frechen, frivolen, pessimistischen, zärtlichen Episteln, mit denen der am 14. November 1929 in Hamburg geborene Maler, Zeichner, Graphiker und – Dichter. Horst Janssen seinen einjährigen Patensohn Johannes Klose in die (von Erwachsenen so genannte) „große“ Welt einführt.

Was der kleine Johannes am 21. Mai 1979 neben seinem mit einer Kerze gekrönten Geburtstagskuchen fand, kann nun der Nikolaus oder das Christkind allen Kindern zwischen 1 und 101 Jahren bescheren: ein nachdenklich-witziges Erzähl-Bilder-Buch. Eine Satire auf bundesrepublikanische Zustände, der das Unmögliche gelingt: zugleich Verteidigungsschrift des Grundgesetzes zu sein. Daß es auch unter der Rubrik „Politisches Buch“ oder „Literatur“ oder„Modernes Leben“ präsentiert werden könnte, muß doch nicht gegen ein Buch für Kinder sprechen?

Im „Dessert“ genannten Nachwort spricht Janssen, der dieses Buch geschrieben, gemalt und – wie die schöne Ausgabe zeigt – selber mit Klebeband und Stoffstreifen gebunden hat, von einer „entzückenden Albernheit“. Wenn Kinder albern sind, sprechen sie oft von Dingen, Gefühlen, Problemen, von denen Erwachsene nur mit gerunzelter Stirn glauben reden zu dürfen. Der gerade einundfünfzigjährige Onkel Horst, der ein „falscher Fuffziger“ schon deshalb ist, weil er sich den erstaunten Kinderblick auf die Welt erhalten hat und bekennt: „Ein in Bausch + Bogen ungestörtes Verhältnis habe ich nur zu Hunden, Kindern + alten Damen, während mir die größten Desaster aus meiner Hinwendung zu den Frauen kommen“, ist in diesem Geburtstagsbuch für ein Kind weniger diesem als ironisch, böse, sarkastisch, wie es der Untertitel verrät des Buches von –

Horst Janssen: „Johannes zum 21. 5. 79 – Dümmeleien eines Unparteiischen“; Galerie Hans Brackstedt, Hamburg, 1980; 24 S., 10 farbige Zeichnungen, 29,– DM.

„Unparteiisch“ ist der Bilderbuch-Onkel natürlich nur im parteipolitischen Sinn: keiner Partei zugehörig. Er betrachtet solche Ungebundenheit als Recht, wie der „unparteiisch“ genannte Schiedsrichter auf dem Fußballplatz über den Sturzacker der Politik stolpern und pfeifen zu dürfen, wenn er Verstöße gegen die Regeln menschlichen Miteinanders entdeckt.