Susan Sontag: „Kunst und Antikunst“

Von Hans Platschek

Das Bach hat in doppelter Hinsicht etwas Gespenstisches an sich. Erstens handelt es sich um den Neudruck einer 1968 bei Rowohlt erschienenen Aufsatzsammlung. Darauf aber wird der Leser nicht hingewiesen. Erst wenn er, am Ende, die Liste der von Susan Sontag auf deutsch veröffentlichten Bücher durchliest, kommt er darauf, daß er ein Remake in der Hand hält mit dem Buch von –

Susan Sontag: „Kunst und Antikunst – 24 literarische Analysen“, aus dem Amerikanischen von Mark W. Rien; Hanser Verlag, München, 1980; 315 S.; 29,80 DM.

Interessanter und einer nachträglichen Überlegung wert ist, zweitens, die Patina, die sich auf mehrere Texte gelegt hat. Es ist, genau genommen, keine Patina, sondern eher eine Vergilbung oder eine Verschmutzung, wie sie Konsumartikeln aus Kunststoff widerfährt. Diese Texte stehen ungebrochen, das heißt: kritiklos für jene Mythologien der sechziger Jahre ein, die Superman als Kultfigur, Andy Warhols Coca-Cola-Flaschen oder Marshall Mac Luhans „Medien als Massage“ verkörpern. Liest man heute, was Susan Sontag über das Happening beispielsweise, über neue Sensibilitäten oder über etwas, das sie „Camp“ nennt, zu sagen hatte, so wird man den Eindruck nicht los, von Dingen zu erfahren, die zeitlich weiter noch zurückliegen als die im gleichen Band behandelten Figuren und Bücher der französischen Nachkriegsliteratur. Ebenso wie über „Camp“ oder Happening hätte die Sontag über den Minirock schreiben können, was, als Frage nach einer massenwirksamen Sinneshaftigkeit, einträglicher gewesen wäre als die Spekulation über Moden, die sich als kulturell hochstehend, ihrer Natur, nach aber als ephemere, den Anspruch nicht einlösende Trends erwiesen haben.

Es sieht so aus, als hätte sich Susan Sontag mit solchen Ausflügen, die ihr Analysiervermögen ins Absurde zogen, an die Spitze einer Welle setzen wollen, als Sprachrohr gleichsam einer Pop- oder Camp-Kultur, die in Worte zu fassen dem Wirken eines Apollinaire gleichgekommen wäre, wie er, in nicht sehr profunden, keiner Zeiterscheinung und keiner Freundschaft etwas schuldig bleibenden Meditationen, den Kubismus begleitet hat. Nur war das Happening kein Kubismus und „Camp“ keine Strömung, die jenseits von Woody Allens Manhattan irgendwelchen Gesprächsstoff abgaben. Die Sontag ist hier provinziell: Sie spricht von einem Lokalkolorit, das, wenn überhaupt, wie Warhol sagen würde, nur eine Viertelstunde Ruhm in Anspruch nehmen konnte.

Es gibt einen Vergleich, Roland Barthes’ „Mythologies“ nämlich, die sich mit der Garbo und der Hepburn, mit Billy Graham, dem Schockphoto und den Reiseführern befassen. Diese Mythen des Alltags sind kurz, aphoristisch fast, auf ihre kulturellen Bezeichnungsfähigkeiten hin aus einer Distanz untersucht worden, von der man sagen kann, daß sie der Untersuchung, gerade weil hier keine Identifizierungen stattfinden, zugutekommt. Die an Hand des Happenings, der neuen Sensibilität oder des Camp zur Schau getragenen Identifizierungen tun hingegen ihrer Identität als Kritikerin Abbruch.