Das Bild der Generation der Fünfzigjährigen: Stoff für deutsche Trauerarbeit

Von Hermann Glaser

Ein 1935 aufgenommenes Familienphoto I. zeigt ihn im Alter von acht Jahren, im weißen Matrosenanzug. Hinter ihm steht sein Vater, ein ernster hagerer Mann im dunklen Anzug, Die Mutter trägt ein wadenlanges Kleid und Spangenschuhe. Im Vordergrund die Schwester, ein freundliches Mädchen mit blonden Zöpfen. Ein deutsches Familienporträt. Bald darauf wird, er von gleichaltrigen Jungen als Jude beschimpft. Er wird vom Gymnasium verwiesen. Der Vater verliert seinen Beruf, wird ins Konzentrationslager eingeliefert, wieder entlassen, arbeitet im Straßenbau. Die Familie muß in ein „jüdisches Mietshaus umziehen – sechs Familien mit vielen Kindern in einer Wohnung. Die gelben Davidsterne werden eingeführt; jeder Jude muß sie aufgenäht auf der Kleidung tragen. Vater und Sohn arbeiten zwangsverpflichtet in einer Munitionsfabrik. Von dort werden sie eines Tages nach Auschwitz abtransportiert. Nach langen Leiden wird der Vater „ausselektiert“; Mutter und Schwester sind schön vorher, gleich bei ihrer Ankunft im Vernichtungslager, umgebracht worden. Der Sohn überlebt. Ein deutsches Schicksal.

„Ein deutsches Trauerspiel – Die Leiden des Juden Alfred Jachmann“ nennt es der Erzähler. Ein deutsches Verbrechen wäre es besser genannt worden. Nachzulesen ist es in:

Winfried Maaß: „Die Fünfzigjährigen. Porträt einer verratenen Generation.“ Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1980, 216 S., DM 28,–

Der Autor ist selbst ein Fünfzigjähriger. Einen Teil der in diesem Buch abgedruckten Lebensgeschichten veröffentlichte er erstmalig in verkürzter Form in einer Serie der Illustrierten „Stern“. Das Buch handelt von zwölf Angehörigen einer Generation, die Manfred Rommel (Oberbürgermeister von Stuttgart und Sohn des von Hitler in den Tod getriebenen Feldmarschalls), dessen Lebensgeschichte ebenfalls in diesen Band aufgenommen ist, die „gebrannten Kinder“ nennt. Ein anderer der Beschriebenen, der Journalist Jörg Andrees Elten, spricht von einer „beschissenen Generation“.