• Seit der Bundestagswahl ist die Konjunktur Thema Nummer eins der wirtschaftspolitischen Diskussion. Die Regierung sorgt sich um sie, die Forschungsinstitute, die Sachverständigen und natürlich auch die Wirtschaft selbst. Aber es gibt bemerkenswerte Unterschiede.

Rodenstock: Aus meiner Sicht ergibt sich, daß seit einigen Monaten die Auftragseingänge deutlich unter dem Vorjahr liegen und die Produktion entsprechend zurückgenommen werden muß. Die industriellen Kapazitäten sind infolge dessen nur noch mit achtzig Prozent ausgelastet. Auch in der Bauwirtschaft geht die Produktion sowohl im Hochbau als auch noch mehr im Tiefbau zurück. Zur Dramatisierung der Lage besteht kein Anlaß, aber man sollte die Warnzeichen nicht übersehen.

  • Auch in der Wirtschaft gibt es manche Schwarzmalerei. So etwa letzte Woche in München im Landesverband der Bayerischen Industrie. Ist solch ein Pessimismus nicht überzogen?

Rodenstock: Schwarzmalerei im Sinne von Zweckpessimismus wird von den Unternehmensverbänden nicht betrieben. Es kann auch gar nicht in unserem Interesse liegen, die Konjunktur zu „zerreden“. Andererseits läßt sich auch nicht verheimlichen, daß uns die Kostenentwicklung große Sorgen bereitet, zumal da die Produktivität nur unterdurchschnittlich zunimmt, vermutlich nur um etwa 2,5 Prozent in diesem Jahr. Daher werden die Lohnstückkosten stark steigen.

  • Die großen Unternehmen wollen aber fast alle weiterhin kräftig investieren:

Rodenstock: Es ist richtig, die Investitionskonkunktur ist noch relativ robust, wenngleich sich eine Abschwächung gegenüber der Zuwachsrate des vorigen Jahres erkennen läßt. Die nachlassende Ertragskraft der Industrie wird bei einem zweifellos vorhandenen großen Investitionsbedarf der Investitionsfähigkeit im nächsten Jahr einen gewissen Dämpfer versetzen. Dies gilt ganz besonders für den großen Bereich der mittleren und kleineren Firmen. Bedauerlich ist vor allem, daß Genehmigungsverfahren für größere Investitionsvorhaben außerordentlich schleppend über die Bühne gehen und daraus ein Investitionsstau entsteht, der durch zügigere Abwicklung solcher Verfahren konjunkturbelebend wirken könnte.

  • Sie haben in jüngster Zeit ja wiederholt Ihre Enttäuschung über den wirtschafts- und energiepolitischen Teil der Regierungserklärung bekundet Was stört Sie?