Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung weiß schon, wie man Politiker anpacken muß. „Tiefe Sorge um den Erhalt der Arbeitsplätze veranlaßt uns...“ In einer Zeit, in der die Sachverständigen in ihrem Jahresgutachten einen Anstieg der durchschnittlichen Arbeitslosenzahl auf 1,1 Millionen im nächsten Jahr vorhersagen und die Wirtschaftsforschungsinstitute wenige Tage später erklären, die „fünf Weisen“ seien sogar noch von zu optimistischen Annahmen ausgegangen, verhallen solche Worte nicht ungehört.

Die Gewerkschaft leitete mit diesem Satz ein Lamento über die „textilfeindliche“ Haltung der Europäischen Gemeinschaft ein und kündigte einen Proteststreik an, der sich auch gegen die „völlig irreale und unsoziale Politik“ von Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff richtete. Die Arbeitgeber, sonst beileibe keine Freunde von Streikaktionen, beobachteten in diesem Fall die Aktivitäten der Gewerkschaft mit dem größten Wohlwollen. Schutz vor noch mehr Konkurrenz ist auch ihnen eine Herzensangelegenheit. Auch sie wurden in diesem Sinne im Bundeswirtschaftsministerium vorstellig. Gemeinsames Ziel von Gewerkschaftern und Unternehmern: Die Bundesregierung soll zusammen mit den anderen Industrieländern dafür sorgen, daß das Welttextilabkommen über 1981 hinaus verlängert wird, das den Import von preiswerten Textilien aus Entwicklungsländern begrenzt.

Trotz aller Bekenntnisse zum freien Welthandel will sich die Bundesregierung diesem Ansinnen nicht völlig widersetzen (siehe Interview Seite 21). Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, daß die Vertreter Bonns die protektionistische Welle allein nicht aufhalten können – zumal wenn die heimischen Gewerkschafter und Unternehmer ihnen dabei gemeinsam in den Rücken fallen. Das Argument, daß sich die ganze Flut der Billig-Importe in die Bundesrepublik ergießen würde, wenn alle anderen Industrieländer die Handelsschranken herunterlassen, wir aber in liberaler Prinzipientreue die Grenzen offenhalten, läßt sich auch nur schwer widerlegen.

Dennoch bleibt ein fader Nachgeschmack. Mochte bei Abschluß des ersten Welttextilabkommens noch richtig sein, daß es sich hier um einen Ausnahmefall handele, so lassen sich die nächsten „Ausnahmefälle“ schon absehen. Wachsende Konkurrenz aus Fernost, steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Exportüberschüsse werden immer häufiger als Begründung für den Ruf nach weiteren Schutzmaßnahmen herhalten müssen. Auch das Argument, daß andernfalls die übrigen Industrieländer im Alleingang die Konkurrenz aus. Übersee aussperren und die Bundesrepublik, damit zum alleinigen Abladeplatz von sogenannten Billig-Importen wird, werden wir noch oft hören müssen. Und ebensooft wird die Standfestigkeit des Grafen Lambsdorff auf eine harte Probe gestellt werden.

Abzuwarten bleibt eigentlich nur noch, ob die nächsten Bittsteller die gleiche Unverfrorenheit aufbringen werden, wie die Herren der Textilindustrie. Denn die hatten die Stirn, neben dem Schutz für ihre Industrie im gleichen Atemzug eine „weitere Öffnung der Exportmärkte innerhalb und außerhalb der EG für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie“ zu fordern.

Dabei verkauft die deutsche Textilindustrie ohnehin mehr jenseits der Grenzen als irgend jemand sonst auf der Welt. Jeder vierte Arbeitsplatz in dieser Branche hängt folglich am Export.

Aber „guter Export“ ist offenbar immer nur der eigene, „böser Export“ immer nur der der anderen. Michael Jungblut