Von Helmut Schneider

Die Ausstellung "Van Gogh bis Cobra" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart kann man, dem Untertitel folgend ("Holländische Malerei 1880/1950"), betrachten als einen Gang durch die Kunstgeschichte – dank der Großzügigkeit niederländischer Museen und Privatsammler, die in vielen Fällen sorgsam gehütete Hauptwerke ausgeliehen haben, gibt die Ausstellung nicht nur einen umfassenden, sondern auch genau akzentuierten Überblick über die Malerei in diesen sieben Jahrzehnten (es fehlen, wie nicht anders zu erwarten, wesentliche Belege für van Goghs Malerei, er ist jedoch mit einer Reihe hervorragender Zeichnungen vertreten).

Man kann, und das ist die eigentliche Absicht der Ausstellung, "Van Gogh bis Cobra" auch verstehen als Protokoll einer Bewußtseinslage, die keineswegs beschränkt ist auf die Niederlande, gerade am niederländischen Beispiel aber besonders deutlich aufzuzeigen ist. Es geht um die Einstellung des Künstlers zu seiner Zeit, zu der Gesellschaft, die ihn akzeptiert oder zum Außenseiter stempelt, und um die Frage, wie das schöpferische Individuum in dieser Situation überlebt, allein oder als Mitglied einer Gruppe.

"Unsere Kunst ist die Kunst einer Umsturzperiode", verkündet das 1848 veröffentlichte Manifest der "Experimentellen Gruppe" (aus der dann die Gruppe "Cobra" hervorging), "gleichzeitig die Reaktion auf eine untergehende Welt und die Ankündigung einer neuen (...)", und in einem Brief von Vincent van Gogh aus dem Jahr 1889 steht: "Wir kennen das Leben kaum, wir haben überhaupt keine Ahnung von seinen Hintergründen, wir leben in einer Epoche, in der alles unsinnig und fragwürdig erscheint." Diese beiden Zitate verklammern das – von den "Cobra", Künstlern als Aufforderung zu einem Neubeginn empfundene – Ende des nach dem Tode Piet Mondrians (1944) abgeschlossenen Kapitels niederländischer Kunst mit seinem Anfang, der Kunst des an der Welt leidenden van Gogh, der für die nachfolgenden Generationen zu einer Symbolfigur wurde, wenn nicht zu einer Kultfigur. Eine Reihe von Arbeiten in der Ausstellung, die "Vincent" gewidmet sind, beweisen es.

Die zeitlich umgekehrte Reihenfolge der Zitate macht deutlich, daß die jungen Künstler in den ersten Nachkriegsjahren erneut – genauer wohl: noch immer (und diesmal mit handfesten Gründen) – geprägt waren von einem Bewußtsein der Krise, die bereits schon van Gogh gespürt hatte. Auf der Spirale, die Spengler als anschauliches Modell der Geschichte benutzt hatte, gelangt man an einen entfernteren Ort, kommt aber immer wieder auf den gleichen Punkt zurück. Diese Vorstellung scheint sich hier zu bestätigen.

Van Gogh ist an dieser Krise, die eine Krise seiner Zeit war und damit unmittelbar auf ihn zurückwirkte, zerbrochen. Er fühlte sich allein nicht stark genug: "Es scheint mir, je länger desto mehr, daß die Bilder, welche geschaffen werden müßten, die Bilder, die notwendig, unumgänglich sind (...) die Kraft eines Individuums überschreiten. Sie werden also wahrscheinlich durch Gruppen von Menschen geschaffen werden, die sich zusammentun, um eine gemeinsame Idee auszuführen (...)", Die gemeinsame Idee, die zur Ausführung die Gruppe braucht – das war die Überlegung, welche die Künstler von "de Stijl" zusammenführte und auch die von "Cobra". Da wie dort war die Anstrengung, die Krise zu überwinden, die treibende Kraft, jedesmal verbunden mit dem Glauben an die Utopie.

Die Vorstellung einer "Welt im Gleichgewicht" (Mondrian) oder einer durch "Volkskreativität zu sich befreiten Menschheit ("Cobra") wurde so zum existentiellen Rechtfertigungsgrund der Kunst, welche die zukünftige schöne Welt, wörtlich verstanden, im Bild antizipierte. Ob dabei die Theosophie Pate war oder der historische Materialismus, machte durchaus einen Unterschied, unabhängig von den nicht vergleichbaren Voraussetzungen, hatten die Künstler aber eines gemeinsam: Ihre Ideologie bestimmte ihre künstlerische Vision. Aus diesem Grund ist Mondrian heute so schwer verständlich – Theosophie ist zum Fremdwort geworden.