Ein Fußball-Genie kehrt zurück: Franz Beckenbauers Hamburger Premiere

Von Benjamin Henrichs

Es war ein großer Tag. Ein großes Spiel war es nicht. Es passierte ja nur das Selbstverständliche: der Zweite der Tabelle besiegte den Zwölften, der Hamburger Sportverein, Kandidat für die Meisterschaft, schoß drei Tore, der Karlsruher Sportclub, Kandidat für den Abstieg, nur eins. Es war ein trüber Nachmittag: Ein kalter, Wind aus Nordnordost trieb schwarzgraue Wolken und einen dünnen, nassen Schnee vor sich her – Hamburg im Herbst.

Als ich das Volksparkstadion erreiche, ist es 14.30 Uhr, eine Stunde vor Spielbeginn. Im riesigen Rund ein paar tausend Zuschauer, frierend, nur schwäch getröstet von einem kargen Unterhaltungsprogramm: Auf der nassen Aschenbahn fahren Kinder mit winzigen Autos und Motorrädern knatternd ihre Runden. Keine Erregung im Stadion, kein Fußballfieber, kein Fanatismus, keine Sprechchöre; als stünde ein ganz normaler, kalter Fußballnachmittag bevor und nicht ein historisches Ereignis.

Um 15.02 Uhr betritt Franz Beckenbauer, gemessenen Schrittes, vom Publikum kaum bemerkt, die Arena – einer der vielen Männer im blauen Trainingsanzug, die sich jetzt warmlaufen, einschießen, ein bißchen Gymnastik machen. Um 15.21 Uhr ist dies Vorspiel beendet, die Mannschaften gehen wieder in die Kabinen, das Stadion ist nun zu zwei Dritteln gefüllt, die Stimmung noch immer hanseatisch gemäßigt.

Jetzt hält, der Herr Vereinspräsident eine Rede: Er wird Franz Beckenbauer feierlich begrüßen, denke ich. Kein Wort davon: Wolfgang Klein entschuldigt sich bei den Zuschauern für das Debakel vom vergangenen Mittwoch, für die 0:5-Heimniederlage des HSV gegen St. Etienne, sagt in ruhigem, unsentimentalem Ton: „Gerade jetzt brauchen wir Sie!“

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