Erzählungen und ein Roman des Schweizer Schriftstellers Franz Böni

Von Michael Buselmeier

In weniger alt zwei Jahren hat der 1952 in Winterthur geborene Fraaz Böni drei Erzählungsbände und einen Roman veröffentlicht, Dorfgeschichten, die allesamt von harten, rückständigen Lebens- und Arbeitsbedingungen Berichten, in einem unverändert lakonischen, die Widrigkeiten objektivistisch summierenden Stil. Diese Gleichförmigkeit hat mich, zumal bei einem so jungen Autor, irritiert. Um nicht vorschnell zu urteilen, habe ich Bönis Bucher eine Zeitlang beiseite gelegt und dann noch einmal gelesen, abermals in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung (die wahrscheinlich nicht die ihrer Entstehung ist, sondern durch Verlagskalkulationen bedingt ist, die letztlich dem Autor mehr schaden als nützen). Wieder mußte ich feststellen, daß meine Konzentration und mein Interesse nachließen, und ich fragte mich, ob das an der (für Bewohner der Bundesrepublik) exotischen Bergwelt, die da beschrieben, wird, liege, an der Erzählweise oder an der Tatsache, daß die späteren Titel wie (schwächere) Kopien, Doubletten von Bönis erstem, nicht grundlos gelobtem Erzählungsband erscheinen (ZEIT, 17. August 1979).

„Ein Wanderer im Alpenregen“, Bönis Debüt 1979, umfaßt acht Erzählungen, Schilderungen des Lebens in abgelegenen Schweizer Gebirgstälern, gesehen mit dem „fremden Blick“ von Außenseitern, Herumtreibern, Hausierern, Textilarbeitern, jungen Sträflingen, die „von allen verlassen“ voller Verachtung durch Schneesturm, Regen und Hitze stapfen. Dabei steht die naiv eigenwillige, ja pedantische Ausführlichkeit, mir der Alltags- und Arbeitsvorgänge beschrieben werden, nicht für sich. In der dargestellten Enge der Lebensverhältnisse wird die dumpfe Gewalt sichtbar, die sie prägt. Überraschend schlägt der Detailrealismus ins Bedrohlich-Groteske um. Die Hausierer scheinen auf einmal gar nichts mehr verkaufen zu wollen, sie entpuppen sich als geheimnisvolle Spuren- und Freiheitssucher, als Natur- und Heimatforscher. Ein staunender, wacher, eng an den Erscheinungen haftender Ton. Die eigentümlich poetische Atmosphäre dieser Geschichten, die Dialektik von draußen und drinnen, Fremde und Geborgenheit, realen und alptraumhaften Momenten hat Böni in den folgenden Büchern nicht mehr erreicht.

Im Roman „Schlatt“ (1979) wird die (Krankheits-)Geschichte Franz Zubers erzählt: seine relativ geborgene Kindheit als Meßdiener im Kirchdorf, die harten Großstadt, als Rückkehr ins dem Bahnhof einer Großstadt, die Rückkehr ins Kirchdorf, wo der inzwischen etwa 24jährige, keiner Arbeit nachgehend, die – Voralpengegend bis in die abgelegensten Täler und Siedlungen durchstreift. In dumpfer Schwermut erkundet Zuber seine Heimat, die ihm ebenso wie die Großstadt (die aber nur in Form des Fremde erscheint. auftaucht) als erinnerungslose Fremde erscheint. „Die Bücher sind das einzige, das mir in meinem Leben noch geblieben ist, dachte Zuber.“ Während der im Roman beschriebenen Zeitspanne von 13 Jahren ändert sich Zubers Haltung zur Welt und zu sich selbst nicht. Fast sprachlos, in verlorener Gleichmütigkeit bewegt er sich durch einen gläsernen schalltoten Raum, Schneelandschaften, wo es kaum noch kräftigere Farben und Reize gibt. Und da das Buch aus Zubers Perspektive geschrieben ist, sind Sprache und Rhythmus, bei aller Dichte und Detailbesessenheit, von der nämlichen Eintönigkeit bestimmt,

Im Kreislauf der Jahreszeiten werden Episoden aneinandergefügt, Bruchstücke, eine Ansammlung von durchwanderten Ortschaften, Irrwegen und Unglücksfällen. Darunter auch stimmungsvolle Szenen, kleine Skizzen in der Abgeschiedenheit des Hochwaldes tauchen plötzlich Gemsen auf, die durch die Nüstern pfeifen–, schmerzhaft deutliche Bilder.

Der Handlung fehlt ein vorwärts- oder auch entschieden quertreibender, Unruhe, Spannung, und darüber Interesse weckender Impuls. Besonders die Aufzählung exotischer Dorf-, Gehöft-, Familien- und Flurnamen hat etwas ermüdend Positivistisches. Bönis (vermutliche) Absicht, mit solchen Aufreihungen den Eindruck von Öde in und um Zuber wiederzugeben, den fortschreitenden Zerfall seiner Wahrnehmungsfähigkeit, mißlingt. Zuber sondert sich bewußt ab. Von Liebe, auch von Sexualität ist in keinem der Bücher, die Rede; ihre Verdrängung schafft sich in den Angstträumen und Gewaltphantasien der Figuren ein Ventil. Gelegentlich trifft sich Zuber mit dem Sägereiarbeiter Moor, der einzigen lebendigen Figur in „Schlatt“. Moor, eine Art Gegenfigur zu Zuber, sein positiver Doppelgänger, ist geschäftig und witzig, Chronist gruseliger abgerissener Geschichten, der freundlich Belehrende, der Zuber kleine Botschaften zukommen läßt und über Heilkräuter Bescheid weiß. Zuber bewundert ihm „Er ist wie ich, nur weiter voraus.“