Der Staat hat versagt – aber Konsequenzen werden nicht gezogen /

Von Hansjakob Stehle

Rom, im Dezember

Übernächtigt, schmutzverkrustet, an der Leine Suchhunde mit verstaubtem Fell – so kommen mir die Männer des Tiroler Bergrettungsdienstes über Trümmerhalden entgegen. „Hier liegen noch Hunderte unter dem Schutt“, sagt einer mit tonloser Stimme und starrt auf die leeren, mit Rauhreif bedeckten Särge, die auf der Piazza aufeinandergestapelt warten – hier in Santangelo Dei Lombardi, in Lioni, Teora oder Laviano. Die Namen dieser Orte kannte niemand in der Welt, bevor die Erde in Kantanien, in der Basilikata bebte und ganze Städtchen wie Kartenhäuser über ihren Bewohnern zusammenbrechen ließ.

Wie grausam ist hier Wirklichkeit, verglichen mit den oft zum .eintönigen Schrecken verflachenden Fernsehbildern. Wenn sich Schneewolken und Nebelfelder in die herbstlich bunten Täler der Irpina-Berge senken und ein kalter Sonnenstrahl auf die Ruinenfelder der meist hochgelegenen Ortschaften fällt, dann hat es fast den Anschein, dies sei erst der erste Tag nach der Katastrophe. Allen sitzt hier die verlorene Zeit im Nacken – den Katastrophenhelfern, die gleichsam überall und nirgends zuzupacken scheinen und viel Resignation mit noch mehr Eifer zudecken, aber auch den Überlebenden, die müde, hustend, oft schon, krank, aus verschlammten, feuchten Zelten oder eiskalten Wohnwagen wanken und trotz amtlicher Ermahnungen nicht von der Stelle weichen wollen.

Die Plagen des Südens

Sollen sie sich in die requirierten Hotels an der Küste verfrachten lassen, während ihre toten oder – wer weiß? – nach lebenden Angehörigen unter zerbröselten Betondecken und Balkengewirr liegen? Sollen sie ihre Kuh, ihren Maulesel, ihre paar Hühner verhungern lassen oder zusammen mit der armseligen Habe, die vielleicht noch nicht im Schutt vermodert ist, den Plünderern überlassen? Sollen sie darauf vertrauen, daß der italienische Staat, dessen Versagen fast so viele Schlagzeilen machte, wie das Erdbeben selber, ihnen eines Tages neue Behausungen baut – vielleicht sogar mit soliden Mauern und genügend Zement, ohne daß die Spekulantenmafia beim Mörtel mitmischt?