Von Ulrich Greiner

Hätte man über die Prüderie des Papstes lachen sollen? Weltfremd ist Wojtyla nicht. Als er in den Vereinigten Staaten vor der Verirrung der gleichgeschlechtlichen Liebe warnte, verstärkte er die neue Welle der Intoleranz gegen die Homosexuellen. Und als er während der römischen Synode den begehrlichen Blick auf die eigene. – Ehefrau geißelte, fand er nicht nur Widerspruch, sondern auch Beifall. Frauengruppen in Rom zum Beispiel goutierten durchaus die Attacke auf den Mann, der sich der Weiblichkeit bediene, „um den eigenen Instinkt zu befriedigen“. Dieses Argument paßt ja sehr gut in den feministischen Kampf gegen den „Sexismus“, jenes den Männern zugeschriebene Verhalten, das die Frau nur als Objekt der eigenen Wünsche und Lüste sieht.

Alice Schwarzer und Johannes Paul II. in einer Front? Es gibt merkwürdige Koalitionen in dieser Tendenzwende hin zu einer sexualfeindlichen Moral. Die Befreiung der Sexualität, die in der achtundsechziger Bewegung ihren Anfang nahm – was ist aus ihr geworden? Zwar wurde, das Strafrecht liberalisiert (Pornographie, Abtreibung, Ehescheidung, Homosexualität), aber überall regen sich neue Ressentiments mit dem stillen Ziel, das alte Elend wieder einzusetzen. Es ist, als hätten viele Leute nun das Bedürfnis, Buße zu tun für die Sünde einer kurz genossenen Freiheit. Ich fürchte, der Pfad der Tugend, den sie beschreiten, wird schrecklicher, als Lasterhaftigkeit es je sein könnte.

In Bayern wurden kürzlich Schulbücher kassiert, die über die Sexualität des Menschen allzu konkret informierten. Die neuen Richtlinien zur Sexualkunde zielen darauf ab, notwendiges Wissen mit den Mitteln einer rigiden Moral zu zensieren. Zum Lernziel „Überblick über die körperlichen Merkmale der Geschlechter“ findet sich die Anmerkung: „Keine anatomischen und histologischen Einzelheiten!“ Das Ausrufezeichen signalisiert das Tabu, während die pseudowissenschaftliche Sprache schamhaft umschreibt, daß Nacktphotos hinfort im Unterricht verboten sind. Homosexualität und Promiskuität gelten als „abnorme Formen menschlichen Sexualverhaltens“ und werden vorab moralisch disqualifiziert, so daß ein vorurteilsloses Unterrichtsgespräch kaum noch möglich scheint.

In Osnabrück hat vor wenigen Wochen die städtische CDU-Fraktion der Jury des Deutschen Sachbuchpreises Einseitigkeit und Unausgewogenheit vorgeworfen und die Preisverleihung boy- – kottiert. Den Preis sollte Walter Höllstein für sein Buch „Die Gegengesellschaft – alternative Lebensformen“ bekommen, und an Stelle einer Laudatio sollte die Osnabrücker Alternativ-Szene sich selber darstellen, darunter auch eine Homosexuellen-Gruppe. Da war der Stein des Anstoßes, da endete die Toleranz.

Wenige Tage zuvor war Die Welt über eine Aufklärungssendung des Jugend-Magazins „direkt“ dreispaltig hergefallen. Die Verfasserin Christa Meves, eine psychologisch aufgemöbelte Gouvernante, bekannt durch ihre hunderttausendfach verbreiteten Elternberatungsbücher, schlüpfte in die feministische Argumentation und empörte sich darüber, daß Frauen unter dem Anschein der Aufklärung den Männern nur Liebesdienste leisten und „jederzeit benutzbar“ sein sollten. Zur Steigerung des Glücks eines jungen Paares empfahl sie die Enthaltsamkeit.

Das alles wäre kaum ernst zu nehmen, kämen nicht von einer anderen Seite her ganz ähnliche Töne. Die Linke bläst ins rechte Horn. Eine puritanische Wut, die ihr nie ganz fremd war, bricht nun plötzlich aus der Emanzipationsbewegung hervor. Exemplarisch dafür ist die sogenannte Sexismus-Debatte, die seit Monaten in den Spalten der Tageszeitung tobt. Die TAZ, wie sie sich abgekürzt nennt, existiert seit anderthalb Jahren und ist, neben der Neuen, der Versuch, eine überregionale linke Tageszeitung zu etablieren. So notwendig das Blatt einerseits ist oder sein könnte, weil es sich fundamentale Kritik leisten und alternative Informationen bringen kann, so kümmerlich ist bisher das Ergebnis: 20 000 verkaufte Exemplare, die nicht zum Leben und nicht zum Sterben langen, dazu eine zerstrittene, auf die eigenen Probleme fixierte Redaktion. Nicht zuletzt durch die Sexismus-Debatte ist die TAZ jetzt in eine Krise geraten, die ihr Ende bedeuten könnte.