Im US-Staat New Mexico sollen demnächst zum Tode verurteilte Straftäter durch Infektionen getötet werden.

Der französische Arzt Dr. Joseph Guillotin, Deputierter der Nationalversammlung zu Paris, mag es wirklich und von Herzen gut gemeint haben, als er sich drei Monate, nach Ausbruch der großen Revolution für eine, wie man seither so hübsch sagt, humanere Vollstreckung der Todesstrafe einsetzte und seinen Mitdeputierten die Einführung einer „Köpfmaschine“ vorschlug. Es gelang ihm, die Versammlung so weit zu interessieren, daß die den Beständigen Sekretär der Chirurgischen Akademie, Dr. Antoine Louis, beauftragte, ein Modell der Maschine herstellen zu lassen und über ihre Zweckmäßigkeit ein Gutachten auszuführen.

Für beides brauchte Dr. Louis fast zweieinhalb Jahre. Dann, im März 1792, wurde das Modell König Ludwig XVI. vorgeführt, der da tatsächlich noch König war und sich überzeugen ließ, daß – was er neun Monate später am eigenen Hals bestätigt fand oder vielleicht als Irrtum erkennen mußte – diese Fallbeilkonstruktion so schnell tötet, daß die Opfer keinen Schmerz verspüren können. Deswegen ordnete Ludwig ihre gesetzliche Einführung an. Sogleich war auch Geld für das humane Projekt da, nämlich sieben Millionen Livres, obgleich doch die Staatskassen seit Jahren leer waren. Und schon bald standen in Frankreichs Städten jene „Petit Louisons“, wie man die sterbefreundlichen Einrichtungen zunächst nannte. Wahrlich ein revolutionierender Sieg der Humanität!

In einem jedoch hatte sich der Dr. Louis getäuscht, nämlich als er gutachterte, „der ganze Apparat würde keine Sensation erregen und kaum bemerkt werden“. Das genaue Gegenteil war der Fall. Massen von Schaulustigen kamen, um zuzusehen, wie die Opfer zwar blutig, aber angeblich schmerzlos „in den Sack niesten“. (So nannten die Pariser solches Sterben, bei dem die abgetrennten Köpfe in Säcke fielen.) Und da war noch eine zweite kleine Nebenwirkung: Weil das Töten so human erfolgte, kam es immer rascher zu Todesurteilen; erst jetzt ging ihre Zahl steil nach oben.

Aber, kein Zweifel, humaner als früher war das Sterben freilich. Bei Maria Stuart hatte der Scharfrichter erst mit dem dritten Schwertstreich den Hals getroffen. Bei Marie-Antoinette blieb solche Panne ausgeschlossen. Und überhaupt waren die alten Todesstrafen entschieden weniger lustig gewesen: das Steinigen, das Pfählen und Kreuzigen, das Ertränken, Verbrennen, Erhängen, das Rädern und besonders das Vierteilen. So gesehen konnten die fortschrittlichen Revolutionsfranzosen (und können auch heutige Richter und Vollstrecker von Todesurteilen) ganz ruhig sein: Immer schon siegte das Humane.

Sogar beim Vierteilen. Als 1772 der aus Altona stammende Arzt Graf Johann Friedrich Struensee, Leitender Minister in Dänemark, hingerichtet wurde, sah das so aus: Der Henker schlug ihm mit dem Schwert die rechte Hand ab, danach den Kopf, und dann wurde Struensees Körper vom Henker mit einer Axt wie ein geschlachtetes Rind gevierteilt. Verglichen mit früheren Zeiten war das eine „humanere“ Vierteilung; denn einst hatten. Henker gevierteilt, während die Opfer noch lebten.

In der Gegenwart galt lange der elektrische Stuhl als „humanste“ Art des Tötens. Aber das erwies sich als Irrtum. Möglich, daß die einschläfernde Injektion, die man jetzt im US-Staat New Mexico anwenden will, keine so entsetzlichen Nebenwirkungen hat. Aber wenn sie wirklich nur einschläfert, dann birgt sie die Gefahr, auch die Bedenken der Geschworenen gegenüber einem Todesurteil einzuschläfern.

Das Problem ist eben nicht, wie human getötet werden kann. Das Problem ist, ohne die Todesstrafe auszukommen. Gerhard Prause