Von Rudolf Herlt

Die Lage war noch nie so ernst, pflegte Konrad Adenauer zu sagen. Die Staats- und Regierungschefs aus den neun Ländern der Europäischen Gemeinschaft brauchen sich da nicht zu verstecken: Die wirtschaftliche Zukunft Europas sei „niemals bedrohlicher“ gewesen, schrieben sie ins Kommuniqué über den Europäischen Rat in Luxemburg. Es war der achtzehnte seiner Art, aber nie zuvor gaben sich die Chefs so besorgt wie diesmal. Sie hatten sich in der Tat nur mit unerfreulichen Fragen zu befassen – Polen, Nahost, die Folgen des Erdbebens in Italien sowie die wirtschaftliche und soziale Lage der Gemeinschaft.

Allein, dieses letzte Thema reichte aus, um interessierte Beobachter in trübsinniges Nachdenken zu versetzen. Nicht das vordergründige Geschehen mit Inflation, Arbeitslosigkeit, teurer Energie und Defiziten in den Leistungsbilanzen ist der Grund dafür. Schwierige Situationen lassen sich meistern, wenn der Wille und die Kraft zur Selbstbehauptung vorhanden sind. Doch es sieht so aus, als habe Europa seine Vitalität verloren.

Roy Jenkins, der scheidende Kommissionspräsident, hat die Staats- und Regierungschefs eindringlich darauf hingewiesen. Er hält den Prozeß der industriellen Erneuerung für einen Gradmesser der Vitalität unserer Wirtschaft. Verglichen mit den Vereinigten Staaten und Japan, meinte er, habe Europa zur Zeit wenig Erfolg bei der Modernisierung seines Produktionsapparats.

Die Japaner sind auf dem besten Wege, die führende Industriemacht der achtziger Jahre zu werden. Sie inszenieren gegenwärtig den dritten Investitionszyklus der Nachkriegszeit, der Japan bis 1985 zum führenden Hersteller aller Produkte für automatisierte Fertigungsverfahren machen soll.

Auch in den USA wird für die industrielle Innovation mehr getan als in Europa. Die Regierung Carter hat mehr Geld in Forschung und Entwicklung gelenkt, die Abschreibungsfristen herabgesetzt und der Industrie Steuerkredite gewährt.

Was aber hat die Europäische Gemeinschaft getan? Auf Gemeinschaftsebene waren die Regierungen mehr mit den in Schwierigkeiten geratenen Industrien beschäftigt – mit Stahl, Textil und Schiffbau – als mit neuen Industrien. Jenkins fürchtet, daß Europa vor einem industriellen Niedergang steht und zwischen den technisch besser entwickelten Ländern Japan und USA zerrieben wird.