Mit intellegentia (von intellegere = dazwischen auswählen) bezeichnete Cicero die Fähigkeit, etwas zu erkennen, intellegentia hieß aber auch die gewonnene Erkenntnis selbst. Erst der Kirchenvater Marius Victorinus, ein gefeierter römischer Rhetorikprofessor des 4. Jahrhunderts, prägte die philosophische Terminologie der Spätantike und des Mittelalters, indem er „intellegentia“ zur Qualität Gottes erklärte.

Thomas von Aquin nennt in diesem Sinne Gott intellectus purus; und als intellegentia bezeichnet er die himmlischen Wesen (Engel), deren Hierarchie dann im 13. Jahrhundert mit den intellegentiae des Aristoteles gleichgesetzt wurden, die als Beweger der Sphären des Himmelsgewölbes galten.

Zwar verschob Kopernikus mit seinem neuen Weltbild jene intellegentia, die die Sterne hin und her schoß, vom Firmament, ihr Nachleben aber führte sie auf Erden: Im französischen Absolutismus erscheint der Monarch und seine Minister – ganz bewußt analog der scholastischen Kosmologie – als Intelligence de l’Etat. Die Monarchen mußten gehen, ihr Begriff blieb und wurde vom Bürger angeeignet: „Ja es kann jeder Mensch oder jedes Ich eine Intelligenz genannt werden“, schrieb Krug in seinem Philosophielexikon Von 1833.

Des Bürgers Intelligenz verstand sich vornehmlich auf Geschäfte. So eröffnete John Jenys bereits 1637 in England ein office of intelligente, eine Intelligenzkammer der Börse. Der deutsche Bürger des 18. Jahrhunderts spiegelte sich sodann in zahlreichen Intelligenzblättern und regelte seine Geschäfte über die sogenannten Intelligenzcomptoirs, die sich in ,Versorgungsbureaux, Heirathbureaux, Localcomtoirs, Geschäfts- und Adreßbureaux‘ unterteilten.

Schuf schon der biblische Gott, jene höchste intellegentia, die Welt „nach Maß, Zahl und Gewicht“, so sollte wohl auch des Bürgers Intelligenz quantifizierbar werden. Seit dem Jahr 1890 wurden Methoden entwickelt, Intelligenz zu messen. Doch erst 1912 war’s geschafft: William Stern hatte den Intelligenzquotienten (IQ) erfunden.

Heiner Höfner