Elfriede Jelinek:

„Die Ausgesperrten“

Von Armgard Seegers

Elfriede Jelinek beschreibt in ihrem Roman eine Gruppe von Schülern, die im Schutz ihres harmlosen Aussehens Passanten überfallen, ausrauben und mißhandeln. Ein Buch also, das die Wurzeln des Terrorismus erzählerisch aufzuspüren sucht, das Entstehen von Gewalt bei. Jugendlichen.

„Die Ausgesperrten“, das sind vier Jugendliche in den fünfziger Jahren, die versuchen, aus dem Schatten der Elterngeneration und deren Kriegserinnerungen herauszukommen, indem sie den Lieblosigkeiten der Älteren mit Gefühlskälte begegnen. Ihr Prinzip ist die wahllos angewandte Gewalt gegen jedermann. Da niemand an den Zuständen unschuldig sei, könne man auch keinen Unschuldigen treffen. Rainer, der geistige Anführer der Gruppe, ist Anhänger eines diffusen Geniekults, einer Mischung aus Nietzsches Elitebegriff, de Sades Philosophie des Verbrechens und Camus’ Pathos des Schuldigwerdens. Anna, Rainers Zwillingsschwester, hat sadistische Phantasien und äußert sich selten anders als durch Brutalität, in Zitaten von Georges Bataille oder mit Musik von Brückner. Anna schläft mit Hans, dem Arbeiter, den Rainer zu seinem Werkzeug gemacht hat. Hans will aus dem Elend seines Wohnküchenmilieus hinaus und verliebt sich in Sophie, die „höhere Tochter“, die jedoch auch von Rainer begehrt wird. Sophie hat alles, was die anderen sich wünschen, doch sie versucht ständig, es zu vergessen.

Aus ihren verschiedenartigen Verletzungen haben die vier die gemeinsame Strategie der kaltblütigen Gewalt entwickelt, die ohne Erregung zu geschehen hat, damit das Verbrechen nicht zur Nebensache wird. Oft wird das Opfer in sexuelle Erregung versetzt; dann, im Zustand der ungeteilten Aufmerksamkeit, wird es beraubt und demütigender Peinlichkeit ausgesetzt. Am Ende des Romans richtet Rainer, der Versager, ein Blutbad an: Er schlachtet seine ganze Familie ab „Durch das Begehen des Sinnlosen will Rainer seine narzißtische Position retten, etwas Außergewöhnliches begangen zu haben.“

Elfriede Jelinek beschreibt die Taten und Erlebnisse der Jugendlichen aus wechselnder Erzihlperspektive mit gleichbleibendem, künstlich distanzierendem Stil. Die spezifische Sprachform, die ähnlich schon bei „Wir sind Lockvogel, Baby“ und „Die Liebhaberinnen“ verwendet wurde, läßt unterschiedliche Denkvorginge und Ereignisse zusammenschmelzen, ohne dabei psychologisierend zu wirken. Die Sprache, in früheren Romanen noch Mittel, festgefügte, Verhaltensmuster darzustellen, gerät hier allzu sehr zum sich verselbständigenden Stilelement. Denn das Buch büßt mit der Distanz, die es schafft, auch an Verständnis für die Personen ein. Die Gewalttaten der vier, hilfloser Ausdruck einer alleingelassenen Jugend, rufen weder Wut noch Abscheu hervor, sondern bleiben beliebige, verquaste Pennäleridioten. Wieder eintrat entsteht die Gefahr, daß der Leser aufgefordert wird, über Jugendliche und ihre Beschädigungen den Kopf zu schütteln, statt die Ursachen der Aggression zu begreifen.

Elf riede Jelinek: „Die Ausgesperrten“, Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1980; 266 Seiten, 20 DM.