Laupheim bei Ulm

Nach Berichten der in Frankfurt erscheinenden Gewerkschaftszeitung Metall herrscht im Laupheimer Zweigwerk des MBB-Konzerns (Messerschmitt-Bölkow-Blohm) eine geradezu „kriminelle Leichtfertigkeit“ im Umgang mit gesundheitsgefährdenden Epoxidharzen. Viele der 200 dort Beschäftigten leiden seit Jahren unter schweren Hautallergien, ständigen Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und chronischen Reizungen der Bronchien, schreibt das Blatt in seiner Ausgabe vom 4. November. Zur Arbeitsplatz-Situation wird ausgeführt: „Die Luft ist voll von den beim Härten der Formteile entstehenden Dämpfen, und der beim Schleifen und Bohren entstehende Staub hängt wie ein Nebel in der Halle. Weder gibt es hier eine Trennung der gefährlichen Arbeitsplätze von den ungefährlichen noch eine Absauganlage, die den Namen verdient.“

Der Flugzeug-Hersteller MBB (Hauptsitz Ottobrunn bei München) produziert in dem kleinen oberschwäbischen Städtchen Teile für die Innenausstattung des „Airbus“. Dazu benötigt man Epoxidharz, das übrigens auch in der Auto- und Elektroindustrie Verwendung findet. Die strengen Sicherheitsbestimmungen, die für die Verarbeitung solcher Stoffe gelten, wurden in Laupheim bisher offenbar nur ungenügend beachtet. Dafür gibt es einige handfeste Beweise. Schon im Oktober letzten Jahres bemängelte die Süddeutsche Eisen- und Stahl-Berufsgenossenschaft in München das Auftreten von Hauterkrankungen durch den unvorsichtigen Umgang mit Epoxidharzen. Mit Frist vom 28. Februar 1980 forderte das Gewerbeaufsichtsamt Sigmaringen die Beseitigung von Mängeln, wobei die Absauganlage eine wichtige Rolle spielt. Die Durchsetzungsfähigkeit der staatlichen Behörde kann man jedoch daran ablesen, daß ihre Anordnungen bis jetzt nur zu einem kleinen Teil erfüllt wurden.

Im März 1980 hatte es eine offizielle Betriebsbegehung des Laupheimer Werkes durch Beauftragte des MBB-Konzerns aus Ottobrunn gegeben. Das Ergebnis ist in einem mehrseitigen internen Protokoll zusammengefaßt und bestätigt in jedem Punkt die Vorwürfe der Gewerkschaftszeitung. Unter anderem heißt es dort: „Die Arbeitsstätten sind in ihrer unzweckmäßigen Anordnung sicherlich eine der Ursachen für die ständige Zunahme der toxischen Hautreizungen und auch der zunehmend beobachteten Allergien.“ Verärgert stellt der Laupheimer Werkleiter im Dezember in einem Brief fest, „daß diese Aussagen die Grundlagen eines bösartigen Artikels in der Metallzeitung sind.“

Der Öffentlichkeit aber wurde Sand in die Augen gestreut. So behauptete die MBB-Pressestelle am 10. November: „Unser Zweigwerk befindet sich unter ständiger Kontrolle des Gewerbeaufsichtsamtes. Es gab noch keine Beanstandungen.“ Trotzdem enthält die Erklärung einen versteckten Hinweis auf Versäumnisse. Bei dem geplanten Ausbau des Laupheimer Werks berücksichtige man die modernsten Einrichtungen bezüglich der Arbeitssicherheit und des Umweltschutzes, hieß es. In regionalen Fernsehsendungen räumte die Unternehmensleitung wenigstens ein, daß die Arbeiter nicht umfassend über die Gefahren im Umgang mit Epoxidharz informiert worden seien.

Aufgeschreckt wurden die Laupheimer Arbeiter und die Funktionäre der IG Metall nicht zuletzt durch Berichte, wonach Epoxidharz krebserzeugende Substanzen enthalte. Es geht um Epichlorhydrin, den Ausgangsstoff für die Herstellung der meisten Epoxidharze. In einem Informationsblatt für Abnehmer weist der Schweizer Chemiekonzern Ciba-Geigy auf die kanzerogene Wirkung der Stoffe im Tierversuch hin: „...empfehlen wir in jedem Fall, die Verarbeitungsrichtlinien strikt zu befolgen.“

In Laupheim behalf man sich bisher anders: Rothaarige und Weißblonde wurden nicht eingestellt, weil man von ihnen wußte, daß sie besonders schnell auf Hautallergien reagieren.

Helmut Groß