Unter den deutschen Verlagen, die sich mit dem Neudrücken vergessener, seltener und wertvoller Kinderbücher der Vergangenheit beschäftigen, nimmt der Agora Verlag eine besondere Stellung ein. Schon das langsame Wachstum der diesbezüglichen Reihe „Das künstlerische Bilderbuch“ – wir kommen gleich auf das neueste Bändchen, und es ist erst das fünfte – steht im bemerkenswerten Gegensatz zum Trommelfeuer mancher Taschenbuchfabriken: Hier nimmt der Bücherfreund noch das einzelne Erzeugnis wahr, um sich auf das nächste zu freuen.

Denn so viele Künstler-Bilderbücher gibt es ja gar nicht. Nach Karl Hofers und Paula Dehmels „Rumpumpel“ folgt nun eine allerdings einzigartige Neuentdeckung und Augenfreude: „Kleiner Tiergarten, ein buntes Bilderbuch mit Reimen von Sophus Andersen in der Bearbeitung von Monika Schlösser-Fischer“ – mit Aquarellen von Gerhard Marcks.

Siebzehn Jahre war er alt, als ihm ein verschollener Kleinverleger aus Lichterfelde den Auftrag zu diesen Bildern gab, und heute lebt er, über neunzig Jahre alt, in der Eifel, herüberragend aus der Jugendstilzeit in unsere zerrissenen Jahre.

Fast jedes der zwanzig Blätter und fast mehr noch das Vorsatzpapier verraten die zeitliche Nähe zum Jugendstil, der einen neuen, über die Ränder des Bildes hinausdrängenden Umgang mit der Fläche brachte, um Bewegung, Tempo, Dynamik auszudrücken. So sind denn diese Bilder voller Spannung und Bewegung: Tiger und Leopard schleichen an, den Körper wie eine Sprungfeder gespannt, über weite Farbflächen und unter fernen Himmeln, Wisente drängen mit geballter Kraft Stirn an Stirn im Kampf, Känguruh, Zebras und Antilopen durchmessen in behenden Sprüngen die Ebenen. Dazwischen Tiere, die ihren Frieden mit den Menschen gemacht haben: „Sehr gelehrte, sehr gewandt / ist der große Elefant, / menschlich fast ist sein Verstand. / Indien ist sein Heimatland. / Wenn in Afrika geboren, / hat er etwas größere Ohren.“ Oder das Dromedar: „Als Schiff der Wüste im Gebrauch / dient’s aufgezäumt als Reittier auch.“ (Diese Verse, vom damaligen Verleger beigesteuert und von der heutigen Verlegerin geschickt überarbeitet, da sie allzu blutrünstig waren, muß man laut lesen, um manchen sonst auftretenden Versklippen einen Reiz abzugewinnen. Lisplern sei der Vers empfohlen: „Das Zebra zähmt man ziemlich schwer, / am Zaum und Zügel zerrt es sehr,“ Aber auch Tiere unserer Breiten zeigen die Blätter: Reh, Hirsch, Fuchs, Wolf und Uhu, bevor es, nun wieder ganz Produkt seiner Zeit, mit dem Adler schließt.

Dieser Neudruck nach der äußerst seltenen Erstausgabe von 1907 stellt einen der seltenen Fälle unter derartigen Reprints dar, bei dem man nicht weiß, wem man das Buch lieber schenken möchte: Kindern, Kunstfreunden – oder sich selbst Janos Frecot

Gerhard Marcks: „Kleiner Tiergarten“; Rieprint der ersten Ausgabe von 1907, Agora Verlag, Berlin; 44 S., 24,– DM