„Kommen Sie nach Wien – Sie werden schon sehen. Neue Prosa“, von Leomare und Helmut Qualtinger. / Helmut Qualtinger: „Drei Viertel ohne Takt – Neue Satiren“. Qualtingers literarische Produktion folgt, qualitativ, den Kurven einer Prater-Achterbahn: enorme Auf- und Abschwünge; im ganzen fallend. Allein-1980 zwei neue Bücher – kann das gutgehen? – Für die Prosa „Kommen Sie nach Wien“ zeichnet erstmals die Frau des Verfassers mitverantwortlich – ihr wird der erhebliche Zugewinn an Qualität, Klarheit und die neue Thematik zu danken sein: Was Mann, Frau und Kinder einander in der Ehe antun; lustlose Ausbrüche aus der öden Zweisamkeit; Krieg der Generationen; Schulprobleme, Nöte Heranwachsender und – sehr gut gesehen und formuliert – die Emanzipation der Frau. – All diese Probleme gibt’s gewiß nicht nur in Wien. Hier aber sind Kolorit und Ambiente der Erzählungen und Szenen von dieser Stadt und dem Autoren-Duo Leomare/Helmut geprägt. – Peinlich zu sehen: Betritt Helmut Qualtinger das literarische Parkett solo, nicht gestützt von seiner Frau und Ko-Autorin, fällt er gewaltig auf den gewaltigen Bauch. Die Dialoge und Sketches in „Drei Viertel ohne Takt“ „leben“ ausnahmslos von einem Grundeinfall: Zwei bis fünf Personen betreiben eine zentrifugal ins Absurde auseinanderfliegende Scheinkonversation. Ein Panoptikum kommunikationsunfähiger Volltrottel vor der Kulisse eines zerbröckelnden Wien. Pointen sind meist nicht zu erkennen, oft schwach, selten tragfähig. (Verlag Das Bergland-Buch, Salzburg, 1980; 206 S., 19,80 DM; Langen-Müller, München/Wien, 1980; 172 S., 19,80 DM.)

Hanns-Hermann Kersten

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„Die Schande“, Roman von Gudrun Brug. Erzählt wird die Geschichte des bösen Mädchens Til Thorn, das, Lügen haben kurze Ohren, vom Vater zur Strafe an eben diesen im Zimmer des Schuldirektors an die Wand genagelt wird. Was sie jedoch nicht davon abhält, weiter zu flunkern, zu stehlen und zu schwänzen. Bis sie schließlich – nach einem mysteriösen Mord – ins Erziehungsheim eingewiesen wird. Die Autorin entwirft in ihrem ersten Roman bedrohliche Visionen zwischen Traum und Realität; überzeugend und skurril zugleich erzählt sie von der Brutalität einer familialen Kleinstadtidylle, von der Zurichtung, der Erziehung, die aus Kindern brave Kinder macht Ein böses Märchen, das allerdings im zweiten Teil allzu symbolträchtig und bedeutungsschwer die Geschichte weiter erzählt: aus dem Kind Til Thorn ist eine junge Frau geworden, die zwar immer noch gerne flunkert, jetzt aber weit anspruchshafter tut, so als müsse sie nun endlich dem – auf dem Rückumschlag zitierten – Nietzsche gerecht werden. (Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1980; 149 S., 24,– DM)

Manuela Reichart