Amerikas alter Traum vom Glück: Ein neuer Entwurf der Beziehung von Literatur und Leben, Utopie und Wirklichkeit

Von w. Martin Lüdke

In meiner Kindheit führte ich das Leben eines Weisen, doch als ich erwachsen wurde, fing ich an, auf die Bäume zu klettern.“ Dieses Zitat, es stammt von Isaac Babel, wird von Lonoff, eine empfindsamere Deutung korrigierend, ins Gespräch gebracht. Es könnte als Motto stehen über dem neuen Buch von

Philip Roth: „Der Ghost Writer“, Roman; aus dem Amerikanischen von Werner Peterich; Hanser Verlag, München, 1980, 239 S., 19,80 DM

Nathan Zuckerman, ein jugendlich noch unbedarfter, aber strebend bemühter Erzähler, der gerade seine ersten Kurzgeschichten in einer renommierten literarischen Vierteljahresschrift untergebracht hatte, sitzt im Hause E. I. Lonoffs vor dem Kamin. Er versucht, im Gespräch mit dem großen jüdischen Erzähler literarische Vorfahren und Einflüsse, die das Werk seines Vorbilds geprägt haben, zu ergründen; er versucht seine Befangenheit und Unsicherheit zu überwinden, sucht aber eigentlich nur (s)einen literarischen Vater. Er war, so schien es ihm nachträglich, „verzweifelt“ auf Lonoffs „Anerkennung angewiesen“. Denn: „War ich doch gekommen, um nach um nichts Geringeres zu bewerben, als darum, E. I. Lonoffs geistiger Sohn zu werden.“

Die beiden sitzen im Wohnzimmer eines abgeschiedenen Hauses, irgendwo im Hinterland von New York. Seit dreißig Jahren lebt Lonoff dort, in den Bergen, allein mit seiner (nicht-jüdischen) Frau, einsam, schreibend. Der berühmte Autor und sein junger Kollege: ein Werkstattgespräch. Wie gehabt, Babel, immer wieder Tschechow, auch Gogol, dann, im weiteren Verlauf, noch Henry James, und natürlich: „Zuckerman und Lonoff, die über Kafka diskutierten: ich konnte es einfach nicht fassen, geschweige denn, mich darüber beruhigen.“

Ein Leben in der Literatur. Ein Leben für die Literatur. Ein neuer Roman von Philip Roth. Also eine weitere Variante des großen, ja vielleicht sogar einzigen Themas aller Literatur, die diesen Namen verdient: ein neuer Entwurf der Beziehung von Leben und Literatur.