Von Harald Steffahn

Der Quellenwert eines Tagebuchs hängt ab von der Erlebnisnähe, der Urteilskraft, der Stoffauswahl seines Ators. Bei einem rekonstruierten Tagebuch hingegen gilt ein anderer oberster Wert: Glaubwürdigkeit. Man liest es ungleich kritischer, und das ist ein Risiko. Kann ein über Fünfzigjähriger, dessen originales Diarium aus der Jugend in den Kellern des Ostberliner Staatssicherheitsdienstes verschwand, so kindhaft-unbefangen hinter alles spätere Wissen zurück, um wenigstens den Anschein der Echtheit hervorzubringen? Dieter Borkowski, der in den sechziger Jahren unter dem Pseudonym „Arno Hahnert“ in der ZEIT Berichte aus der DDR veröffentlichte, die sich durch intime Kenntnis des Alltags, Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen auszeichneten, bis ihm die Stasi auf die Schliche kam und er verhaftet wurde, hat eben das versucht. Wenngleich er in langer Einzelhaft Gelegenheit hatte, die Ereignisse, Stimmen und Skizzen einer „gestohlenen Kindheit und Jugend“ wachzurufen, so befriedigt doch das Ergebnis nur streckenweise:

Dieter Borkowski: „Wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Erinnerungen an eine Berliner Jugend“; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1980; 224 S., 20,– DM.

Die Notizen beginnen unmittelbar nach dem 14. Geburtstag, November 1942, in der Kreuzberger Grimmstraße 17 und enden am 2. Mai 1945, als der 16jährige Flakhelfer in die Gefangenschaft marschiert und das Buch zufällig einer Bekannten am Straßenrand in die Hand drücken kann. Nach der Entlassung holte er sich die Aufzeichnungen bei ihr wieder ab. Sie führen uns – rekonstruiert – in die Gedankenwelt eines gläubigen Hitlerjungen, je mehr er Parolen und Tatsachen als widersprüchlich begreift.

Das langsame Loyalitätssterben mit häufigen Rückfällen in die Hitlertreue widerspricht nicht der Wahrscheinlichkeit. Störend bis ärgerlich sind vielmehr Weisheiten, denen man ihre Originalität von 1942/45 nicht abnehmen möchte und die dringend verdächtig sind, vom mittleren Borkowski an das junge Ich nachgeliefert zu sein: „Ja, die Geschichte ist eine gewaltige Wissenschaft“, „Dann lohnt sich dieser Schicksalskampf, „Na, mit solchen Typen werden wir den Endsieg wohl kaum .erringen“, „die große geschichtliche Aufgabe Adolf Hitlers“, „Aber – leider – auch wir sind bestechlich“, „Man fragt sich, ob der Führer den Endsieg auf dem Kreuzberg oder in den Müggelbergen erringen will“. Dazwischen wieder gekünstelte Naivität: „Vielleicht bin ich noch zu jung, um über derart komplizierte Fragen ...“

Als verstimmendes Dementi des Authentischen wirken auch viele Stellen, bei denen der Schreiber deutlich auf den Leser schaut. Für sich selber hat er im Tagebuch sicher nicht angefügt, daß der Vater starb, als er, Dieter, vier Jahre alt war; und auch nicht, daß der Friedrichshain eine weite Parkanlage im Nordosten Berlins ist. Ein Tagebuch ist doch ein Selbstgespräch, kein Fremdenführer.

Was soll der Leser schließlich von manchen Behauptungen halten: Borkowski, der 14jährige Jungenschaftsführer, war gerade – durch seinen Onkel, einen Spediteur – beim Ausräumen von Wohnungen dabei, nachdem die jüdischen Bewohner abgeholt worden waren. Der wache Junge macht sich seine Gedanken, um dann zu erklären: „Aber gesehen hatte ich noch keinen Juden.“ In Wahrheit ließ sich der gelbe Stern noch bis 1942 und 1943 im Berliner Straßenbild vieltausendfach wahrnehmen.

Wenn Borkowski dagegen seine Eindrücke von solchen Räumaktionen schildert, dann ist das atmosphärisch dicht. Wenn er einfach erzählt, ohne zu reflektieren: vom Spaziergang mit dem Großvater, von Marussja, der Ostarbeiterin, vom Löschen in der Gauleitung bis zu Erlebnissen auf dem Flakturm Friedrichshain und zum Inferno der Schlußtage – dann könnnte das wiedererweckte Tagebuch dem ursprünglichen nahe kommen. Aber insgesamt atmet zu hörbar das Schicksal. Die fast gleichaltrige Anne Frank, eine Tageschronistin, die wahrlich Grund hatte, aufs Weltgeschehen zu achten, hielt sich trotz aller Frühreife mehr im Zirkel altersgemäßer Beobachtungen, Freuden und Kümmernisse. Vielleicht hätten sich Borkowskis Originaleintragungen geeignet, zum „kleinen Bruder“ der Anne Frank zu werden – aus der Gegenposition. Die polierte Wiedergabe schafft das nicht.