Die Spannungen im arabischen Lager wachsen

Von Andreas Kohlschütter

Es steht schlecht um Arabien. Zank, Zwist und haßerfülltes Gezeter regieren die Stunde. Der bedrohliche Aufmarsch von drei syrischen Divisionen und über tausend Panzern an der jordanischen Nordgrenze, die Vehemenz der zwischen Damaskus und Amman hin- und hergeschleuderten Anschuldigungen, spiegeln den Bruch im arabischen Lager wider. Die wachsende Spannung verdeutlicht zugleich die Unfähigkeit der nahöstlichen Staatenwelt, auf dem Hintergrund von Ägyptens Sonderfrieden mit Israel sowie der vom Golfkrieg ausgehenden Erschütterungen, zu einem operativen gemeinsamen Nenner zurückzufinden.

Das Fiasko des jüngsten Gipfeltreffens der Arabischen Liga, das sich in Amman die Ausarbeitung einer gemeinsamen Strategie gegen Israel und gegen Sadats abweichlerischen Kurs zum Ziel gesetzt hatte, ist offenkundig. Statt der angestrebten Einheitsdemonstration kam ein beschämendes Schauspiel arabischer Uneinigkeit zustande. Eine bloße Rumpfkonferenz, die unter Damaszener-Regie von sechs – Syrien, Libyen, Algerien, Südjemen, Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) – der insgesamt 22 Liga-Mitglieder geschnitten wurde. Übrig blieb ein inhaltsloses Ritual, das sich auf die Rezitierung einfallsloser Forderungen beschränkte: Zerstörung des amerikanisch-israelisch-ägyptischen Vertragswerkes von Camp David; Verschärfung der gegen Israel und Ägypten gerichteten Boykott-Maßnahmen Sanktionsdrohungen gegen Staaten, die Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkennen; Revision der die Palästinenser-Frage zu einem Flüchtlingsproblem degradierenden Uno-Resolution 242; Alleinvertretungsrecht der PLO für alle Palästinenser; Errichtung eines palästinensischen Staates.

Von den großangekündigten, gemeinsamen arabischen Investitions- und Entwicklungsfonds in Höhe von 15 Milliarden Petro-Dollars (der Voraussetzung für geeinte „politische Aktion und militärische Macht“, wie der saudische Kronprinz Fahd sich ausdrückte) blieben am ernüchternden Ende nurmehr fünf Milliarden gestreckt über zehn Jahre übrig. Und über den Schlußakt dieses hochpeinlichen Araber-Gipfels warfen die gegeneinander gerichteten Kanonen der anrollenden syrischen und jordanischen Kampfverbände ihren langen Schatten.

Gefährliche Abenteuer

Vieles spricht allerdings dafür, daß der einst für seine scharf kalkulierende Behutsamkeit bekannte syrische Staatschef, Hafez Assad, den drohenden Worten keine blutigen Taten folgen lassen und sich mit Säbelrasseln begnügen wird. Durch einen Waffengang gegen König Husseins schlagkräftige Beduinen-Legionen würde sich der Syrer mit seiner bereits im Libanon, auf den Golan-Höhen, gegenüber dem Erzfeind Irak, nicht zuletzt im Innern zur Niederschlagung terroristischer Oppositionsgruppen überengagierten Armee in ein gefährliches Militärabenteuer stürzen. Politisch würde sich Assad, so meinen diplomatische Beobachter in Damaskus, durch einen Jordanien-Krieg in der arabischen Welt noch mehr als bisher ins lähmende Abseits manövrieren. Wirtschaftlich müßte er mit verheerenden Einbußen, vor allem mit einem Stopp von lebensnotwendigen Subventionsgeldern aus den ölreichen Golfstaaten rechnen. Und der aus Moskau zur feierlichen Besiegelung des neuen sowjetisch-syrischen Freundschaftsvertrages angereiste Vize-Präsident des Obersten Sowjets, Vasilij Kusnetzow, wird wohl keine Mühe scheuen, um den Festakt nicht durch Kriegshandlungen zu belasten, die ja auch die Kremlführung vor aller Welt zu aggressiven Mittätern stempeln würde.