Von Karl-Heinz Wocker

Die meisten schick betreßten Türhüter Londoner Restaurants tragen einen Zylinder. Zuschnitt und Farbe sind der Uniform angepaßt, die der jeweilige Zerberus trägt, das reicht von grün über blau zu weinrot. Es kommen auch andere Farben vor, aber da hören dann die Speisestätten auf und die Nachtclubs fangen an. Nur vor wenigen gastlichen Adressen steht noch ein Portier mit Bowlerhut, zum Beispiel vor den Drehtüren von „Stone’s“, einem ehemaligen Clubhaus, das nach dem Kriege wieder aufgebaut und im viktorianischen Stil eingerichtet wurde. „Stone’s“ ist eine Mittagsweide der Männerwelt. Piccadilly und Trafalgar Square liegen nicht weit, Geschäftsleute und Beamte stellen die Kundschaft, und dem amerikanischen Touristen, der glaubt, in einem „Chop-House“, wie sich „Stone’s“ nennt, könne man sein Steak auch im offenen Hemd essen, weist der Herr im Bowler diskret eine der vielen Leihkrawatten zu, die er für solche Zwecke gleich hinterm Eingang bereithält.

Gefragt, wie viele der Gäste heutzutage noch mit einem Bowler erscheinen, schätzt er: „Vielleicht einer von hundert.“ Dann scheint ihm selbst das noch zu viel und er fügt hinzu: „Vielleicht ein oder zwei in der Woche.“ Würde er selbst eine solche Kopfbedeckung tragen, außer Dienst? Schon ehe er antwortet, weiß man, daß das keine gute Frage war.

Vor hundert Jahren hätte man ihn umgekehrt fragen müssen, wie viele Gentlemen im Jahr ohne Bowlerhut das Haus betreten. Vor fünfzig Jahren hätten sich Bowler und Homburg mit 50:50 nichts nachgegeben außerhalb der Londoner City, wo die Börse, die Banken und die Versicherungen die Hochburgen des Bowlers blieben. Noch vor fünfzehn Jahren sah man bei jeder Änderung des Zinssatzes Scharen von „Melonen“-Trägern auf die Straße und bürowärts eilen. Im Gedränge kugelte das eine oder andere gute Stück zu Boden. Bowler rollen sehr komisch und erinnern an die Herkunft des Wortes: Der Bowler ist der Ballwerfer beim Cricket, Bowling ist das Kegeln, eine „bowl“ ist eine Schüssel, Schale oder Kugel und Formverwandtes bis zum Toilettenbecken. Natürlich konnten nur Ausländer den Bowler mit einer Melone oder einer Bombe vergleichen.

In unserer Jugend „sammelten“ wir Bowlerhüte. Wer einen der in Deutschland seltenen Träger dieser Kopfbedeckung zuerst erblickte, bekam einen Punkt, mitgeführter Regenschirm zählte doppelt. Irgendein Verrückter erfand sogar die Regel, wonach ein Bowler-Mensch auf Fahrrad oder Motorrad zehn Punkte bringen solle. In Düsseldorf gab es 1938 keine solchen Weltwunder. Zu Beginn des Krieges kamen sogar die wenigen Bowler abhanden, die sich dorthin verirrt hatten, und zwar aus dem gleichen Grunde, aus dem sie in Mode geraten waren: Sie sahen so englisch aus.

Doch im Kino flimmerte der Bowler gelegentlich vorüber, ehe Fritsch oder Birgel nonchalant ihre Zylinder auf- oder absetzten. Ohne Schirm, aber mit Stock stapfte da der britische Oberplutokrat durch die rauchenden Trümmer seiner Hauptstadt. Der Wochenschausprecher weissagte ihm den baldigen Untergang seines Empire, und daß ihm die Zigarre dann wohl ausgehen werde. Mich aber faszinierte, was er auf dem Kopf trug (wenn es gerade kein Stahlhelm war). Für einen Zylinder schien das Oberteil dieses Hutes zu niedrig, für einen Bowler zu hoch und zu röhrenförmig, wenn auch nicht abgeplattet. Sollte das eine Spezialanfertigung für Churchill sein? Hatte der scheinbar demnächst den Krieg verlierende feindliche Pausback etwa Zeit, solchen Firlefanz vor dem Spiegel anzuprobieren?

Was er trug und worin ich ihn später, in London, noch gesehen habe, war keine modische Variante des Bowler, sondern vielmehr eine von dessen frühen Formen. Kenner nennen das einen „Square Crown Bowler“: Die „crown“, die Krone, also das Kopfteil, ist zwar nicht rechteckig, aber abgeplattet mit gleich hohen Seiten, mehr dem Fez ähnelnd als der Kugelform, nur daß der Fez per Definition kein Hut ist, weil zu dem eine Krempe gehört. Das ist alles gar nicht so einfach, wenn man es exakt beschreiben will. Jedenfalls paßt auf Churchills Bowler-Volumen die Formel des Kreiszylinders eher als die der Kugel (r hoch 2 Pi h und nicht 4 Pi r hoch 3 : 3, wenn Ihnen das noch etwas sagt).