Von Hans Kirchmann

Tokio, im Dezember

Japan ist wie ein fettes Schwein, das frißt und frißt, und weder Bär noch Tiger bemerkt, von denen es gierig belauert wird.“ So grollt Ryutaro Nohmura, Chef eines, wenig bedeutenden Konzerns, in Nippon jedoch bekannt als unermüdlicher Sprecher stärkerer Wehrbereitschaft. Das „fette Schwein“ ist seit einiger Zeit aufgewacht, allerdings nicht nur dank der Spruchweisheiten Nohmuras. Japan überdenkt, mit ziemlicher Lautstärke, Gründe und, Folgen seiner Sicherheitspolitik.

In der Öffentlichkeit wird zur Zeit eine Verteidigungsdebatte geführt, die alles in Frage stellt: Kosten, eigene Rüstungsbegrenzungen, Verbündete und mögliche Gegner, bis hin sogar zum Kernwaffentabu. Die Diskussion wird. dadurch noch angeheizt, daß in Washington ein Präsident vor dem Amtsantritt steht, der die japanischen Verbündeten stärker in die Pflicht nehmen will. Doch weit über solche aktuellen Erwartungen hinaus werden Japans Politiker zum Nachdenken gezwungen, weil die grundlegenden Schwächen des eigenen Defensivsystems unübersehbar geworden sind.

Der erste Anstoß war vor einigen Jahren aus heiterem Himmel gekommen: Ein sowjetisches Kampfflugzeug vom Typ Mig 25 erschien plötzlich auf den Radarschirmen der japanischen Selbstverteidigungsarmee, nur wenige Sekunden später setzte dessen Pilot Beljenko auf der Betonpiste der Nordinsel Hokkaido auf. Die zuständigen Militärs hatten, wie sich später zeigte, nur gestaunt, doch nichts unternommen. Zum Glück für alle Beteiligten stellte sich heraus, daß der Sowjetflieger nur ein Überläufer war.

Das war die erste Lektion. Die zweite folgte gleich hinterher, als niemand wußte, wer für den Flüchtling zuständig war. Zwei Tage, lang rangelten im September 1976 lokale Polizei und militärisches Oberkommando darum, bei wem die Verantwortung liegen sollte. Keiner wollte mit dem Fall zu tun haben. Wenig später warf dann Generalstabschef Hiroomi Kurisu die Frage auf, wie Japan auf einen plötzlichen Angriff reagieren sollte, und ob es das überhaupt könnte. Kurisu bekam keine Antwort.

Als die Sowjets 1978 auf den Kurilen-Inseln, die von Japan zurückgefordert werden, ein Manöver veranstalteten, nannte Kurisu das in aller Öffentlichkeit eine Invasionsübung. Es vergingen einige parlamentarische Fragestunden, bis der General noch einmal könnten und rügte, bei einem Angriff auf Japan könnten die Selbstverteidigungskräfte nur in Gang, gesetzt werden, wenn der Premierminister selbst den Befehl dazu erteile – das offenbare die Fahrlässigkeit, mit der Verteidigung, in Japan gehandhabt werde. Statt ein klärendes Wort zu sprechen, setzte die Regierung den unbotmäßigen Kurisu an die Luft. Der gefeuerte General ist heute der Liebling aller japanischen Berufssoldaten und der vielen neofaschistischen Klubs.