/ Von Coenelie Sonntag

Der Serviererin am Tresen des Gasthofs im Münchner Vorort Unterföhring zeigt sich weder überrascht noch devot ob der populären Kundschaft. „Grüß Gott, Herr Lembke, da rechts ist reserviert.“ Äußerlich macht er auch nicht viel her – kein Starglanz umgibt ihn und keine willfährige Horde von Adlaten. Wir haben uns zum Gespräch in kleiner Runde verabredet; Robert Lembke ist alserster da, die anderen, Mitglieder der „Abteilung Quiz und Spielexperimente“ beim Bayerischen Rundfunk, stoßen dazu.

Da sitzt er also zur Brotzeit und gibt sich so wie in seinen Sendungen. Die Haare straff gekämmt, auf der Nase das einzige Markenzeichen dieses Evergreens unter den Quizmastern: eine gemütlich-rund geformte Brille. Er parliert und witzelt, mit dem Lachen, das die obere Zahnpartie freilegt – kurz: es ist die Miene, die in Millionen bundesdeutscher Haushalte Feierabendlaune signalisieren soll.

Robert Lembke, gebürtiger Münchner, ist 67 Jähre alt. Seine Berufsstationen: Nach kurzem Jura-Studium Ausbruch in den Journalismus, Mitarbeit beim „Simplicissimus“. Während der Nazizeit kaufmännische Tätigkeiten. Nach dem Krieg Ressortchef bei einer Münchner Zeitung. Von 1949 bis 1960 Chefredakteur und Fernsehdirektor beim Bayerischen Rundfunk. 1969 Geschäftsführer des Deutschen Olympia-Zentrums. (DOZ). Seit 1975 freier Journalist. Nebenbei schreibt er Bücher wie „Quiz – leicht gemacht“, „Kurzgefaßte Dackelkunde“, „Steinwürfe im Glashaus“. Man hört ihn auf Schallplatten und liest seine Kolumnen, die er bunt im deutschen Blätterwald verstreut. Er ist eine einfallsreiche und geschäftstüchtige Betriebsnudel.

Vor allem aber ist er der Rate-Onkel dreier Nationen: Denn gemeinsam mit den Bundesbürgern sind auch ganze Heerscharen von Österreichern und Schweizern dabei, wenn zehnmal im Jahr zur besten Sendezeit sein „Was bin ich?“ läuft; EinDauerbrenner, ein Phänomen. Andere Quizsendungen durchleben Krisen, werden verrissen, steigen Und sacken in der Publikumsgunst. Diese hier erscheint schier unverwüstlich. Von einer anderthalbjährigen Pause um 1960 herum abgesehen, läuft sie Seit zweieinhalb Jahrzehnten: im Sommer 1980 feierte sie ihr 250. Jubiläum. Eine derart zähe Popularität haben sonst eigentlich nur noch „Tagesschau“ und „Internationaler Frühschoppen“. Das 45-Minuten-Spiel ist so etwas wie die Grandma Moses der deutschen Fernsehunterhaltung:. betagt, naiv, lebenslustig. Es passiert wenig, und was passiert ist nett – mehr nicht. Noch älter übrigens als „Was bin ich?“ ist Lembkes Hörfunk-Sendung „17 und 4“, ein Stegreifspiel im NDR/WDR.

Verhehlen wir nicht, daß der lieblächelnde Papa Lembke auch einige Mücken hat, die ihm Vertreter der Branche ankreiden. Clever und dem Merkantilen zugeneigt, gab er Hausfrauen Tips im Werbefunk und machte Reklame für Brillenmit dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks geriet er wegen seiner kommerziellen Aktivitäten gelegentlich ebenso aneinander wie mit dem Journalistenverband. 1973 kreidete ihm der Bayerische Landesrechnungshof seine „allzu aufwendige Ausgabenpraxis“ als DOZ-Geschäftsführer an. Dessenungeachtet würde ihm auf Vorschlag des Ministerpräsidenten Alfons Goppel 1977 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse zuteil. Das Fernsehpublikum hält ihn ohnehin in seiner Gunst. Die Einschaltquote lag über Jahre hinweg auf den schwindelnden Höhen von 70 Prozent; als das ZDF um 19.30 Uhr mit einem Spielfilm oder Krimi aufwartete, pendelte sich Lembkes Ratespiel bei 40 bis 50 . Prozent ein – das ist immer noch sehr hoch. Und so sind sich denn auch Weltstars nicht zu schade, als Ehrengast, in der Schlußrunde aufzutreten: Sofia Loren, Harry Belafonte, Curd Jürgens, Shmuel Rodensky, Peter Ustinoy, Lilli Palmer – die Liste ist lang. Gemessen an anderen Unterhaltungssendungen“ ist dieses „alles, andere als ein Problemkind“, sagt Gerhard Schmitt-Thiel von der Abteilung „Quiz und Spielexperimente“ mit stolzem Understatement.

„Was bin ich?“ ist weder, dazu angetan, zum Nachdenken anzuregen, noch sein Publikum zu verblöden oder zu veralbern. Es ist ein harmloses Vergnügen mit sparsamem Zubehör. Lembkes Team kommt mit Tisch, Tafel und einem Sparschwein aus (in das, allen Unkenrufen vom Währungsverfall zum Trotz, nach wie vor nur Fünf-Mark-Stücke fallen). Die Pantomime, mit der die Person, deren Beruf zu erraten ist, ihre Tätigkeit beschreibt, erinnert in ihrer Simplizität an die Kurzweil von Kindergeburtstagen. Überhaupt will Lembke durch Schulerinnerungen auf die Idee gekommen sein: „Mein Mathematiklehrer hat uns Pennäler bei verregneten Klassenausflügen so die Zeit zu verkürzen versucht.“ Fernsehgerecht aufbereitet habe er später, 1954, beider BBC London das Spiel wiederentdeckt und die Rechte, gekauft.