In giftig fahles Licht getaucht, schwanken und tappen im wilden Wald ungeschlachte Riesen umher: die Monster Tzippie, Moish und Bruno, der Hahn Emil, Bernard der Stier, und bocksfüßig herumalbernd eine schneeweiße Geiß. Maurice Sendak hat die Ungeheuer aus seinem Bilderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ so phantastisch-grotesk, bizarr und wundersam auf die Bühne, des Théâtre Royal de la Monnaie gezaubert, daß beim ersten Auftritt der Schreckensfiguren ein Schauder des Entzückens durchs Kinderpublikum geht.

Die Oper „Max et les Maximonstres“ ist eine Auftragsarbeit der Opera National in Brüssel. Ihr Direktor, Maurice Huisman, ließ Sendak selbst das Libretto schreiben, überantwortete Rhoda Levine die Regie und läßt neun Aufführungen dieser ersten Version einer „Phantasie in zwei Akten“ über die Bühne gehen.

Maurice Bernhard Sendak, Maler, Graphiker und Autor von Kinderbüchern, deren berühmtestes „Where the wild things are“ geworden ist, hat die Tableaus seiner Traumgeschichte von Max, der im Wolfspelz ins Land der Ungeheuer reist, in fünf Szenenbilder übertragen. Es sind Dekorationen und Kostüme – atemberaubend schön –, wie sie sich phantastischer nicht erfinden lassen. Das Kinderzimmer des kleinen Max, der ohne Suppe ins Bett geschickt wird, wächst zu mit exotischen Bäumen und Büschen. Der Traumwald breitet sich aus, wird dichter und dichter. Darüber erscheint ein wunderbarer Mond, und Max segelt in einem winzigen Boot auf einem Ozean ins Land der wilden Kerle. Er zähmt die grauslichen Monster, mythische Spuk Wesen von abscheulicher Gestalt (die im Unterschied zu den düsteren Schreckenswesen eines Bosch oder Topor zugleich fürchterlich und sehr komisch sind), wird von den Ungeheuern zum König gemacht, befiehlt eine Krach-Orgie und verläßt schließlich auf dem winzigen Boot das Monsterland. Kehrt heim ins Kinderzimmer. Da steht auf dem Tischchen ganz unwiderstehlich gut duftend die Suppe. Noch warm.

Das Buch, eine geradezu klassische Vorlage für ein Phantasiestück in Klangbildern, hätte, sensibel übersetzt, eine ideale Kinderoper werden können. Das fatale Mißverständnis des Komponisten Oliver Knussen hat das unmöglich gemacht. Auf die eigentliche Geschichte ließ er sich gar nicht erst ein; sie schrumpfte zum bloßen Anlaß, schier endlos dissonante Tonfolgen aneinanderzureihen. Die Rolle des Max wurde zur quälend schwierigen Partie für den großen strahlenden Sopran der Engländerin Jane Manning monströs aufgebläht. Attitüde und Geste der „großen Oper“, kein einziges Lied, keine Sprechpartien.

„Wir haben eine Oper voller Phantasie in der Tradition von Hänsel und Gretel machen wollen – ein théâtre musical magique“, sagt Knussen. Von dieser Absicht ist nichts zu hören. „Max et les Maximonstres“ ist ein eher formalistisch ödes Spektakel in Tönen, das im krassen Gegensatz zu den fabelschönen Bildern Maurice Sendaks bleibt. Der Bruch zwischen dem poetisch optischen Teil und einer sich total verselbständigenden spröden Musik macht es auch der Regie nahezu unmöglich, die Figuren sinnvoll agieren zu lassen. Die drachenfüßigen Monster stapfen und trapsen ratlos in der traumschönen Kulisse umher.

Er habe nicht auf die Bedürfnisse eines Kinderpublikums hin schreiben wollen, erläutert Knussen seine musikalische Konzeption. Die Furcht, banal oder infantil zu werden, die Ambition, „großes“ musikalisches Theater zu machen, hat dieses sinfonische Experiment unerträglich belastet. Nun, es gibt genügend Beispiele in der Musikliteratur, daß sinfonische Dichtungen, die auch von Kindern verstanden werden können, keineswegs trivial sind. Camille Saint-Saens, Prokofieff, Hindemith, Britten beweisen das.

Der lebendigste Teil des Nachmittags blieb (in der Pause) die Vorstellung der Musiker und ihrer Instrumente, die im Großen Foyer der Oper vom Orchester des Brüsseler Königlichen Theaters unter großem Beifall der Kinder stattfand. Weil die fünf Szenen in englischer Sprache gesungen wurden, gab ein Erzähler vor Beginn der Oper den Brüsseler Kindern auf französisch und flämisch eine Erläuterung zu Maxens Traumfahrt. Obgleich Lode Verstraete diesen Erzähldialog mit dem Kinder-Auditorium mitreißend inszenierte, blieb auch diese Lösung eine Hilfskonstruktion, denn sie nahm jene Spannung blank vorweg. Ich versuche mir vorzustellen, was für eine bezaubernde Oper „Max et les Maximonstres“ hätte werden können, wenn zum Libretto Sendaks eine phantasievolle tänzerische Übersetzung versucht worden wäre. „Hast du dich kein bißchen vor den Kerlen gefürchtet?“ frage ich den kleinen Jungen neben mir. „Nein, nein“, beteuert er, „nicht vor den Maximonstres! Ich habe Angst vor der Musik gehabt.“

Ute Blaich