Jetzt ist aber alles klar. Alfred Kirchner greift an, Alfred Kirchner räumt auf. Ich halte seinen Appell für wichtig, weil er dem gegenwärtigen Theater einige bittere Wahrheiten sagt. Ich halte seinen Text für gefährlich, weil auch Kirchner die Wahrheit nur halb sagt, weil er nicht erklärt, wen genau seine Wut meint und wen nicht. Eine solche konkrete Polemik wäre schwieriger zu schreiben gewesen – auch deshalb, weil die Angegriffenen dann hätten gekränkt sein und sich wehren können. Die Ehrlichkeit, präzise zu sein, riskiert Kirchners radikal ehrlicher Text auch wieder nicht.

Statt dessen pinselt Kirchner mit dicken, derben Strichen ein Schreckensgemälde; Szenen vom großen Fressen, vom häßlichen Charme der Theater-Bourgeoisie. Die Regisseure in ihren Schlößchen und Herrensitzen, die Kritiker "Kunstdelikatessen wie im 3-Sterne-Lokal in sich hineinschlemmend", sie alle miteinander verschworen zum Komplott gegen die Arbeiterklasse, interessiert nur noch daran, die "Feinsinnigen noch feinsinniger" zu machen.

Hier die schlemmenden, verfressenen Ästheten, dort die vorsichtigen, hellen, in Helligkeit verzagenden Arbeiter – Alfred Kirchners Polemik ist keine polemische Reflexion, sondern eine Inszenierung, sehr wirkungssüchtig: nicht seine beste. Sie macht sich die richtigen Sorgen über das Theater mit falschen, fahrlässigen Formulierungen.

Es stimmt, daß es an unseren Theatern zur Zeit einen erschreckenden Mangel an gemeinsamen Haltungen (ob politisch oder ästhetisch), an Solidarität und Treue gibt; und ein Übermaß von Eitelkeit und Karrierismus. Es stimmt auch, daß sich einige. Theaterleute lächerlich feudale Lebens- und Arbeitsweisen angewöhnt haben (obwohl: Ist es denn besser, wenn in den Schlößchen und Herrensitzen die Immobilienmakler und Versicherungskaufleute wohnen?). Vom "Kollektiv" redet man heute sowieso nicht mehr, vom "Ensemble" meist nur noch aus Reklamegründen. Der ewige, bis zu einem gewissen Grad auch unvermeidliche Konkurrenzkampf der Künstler gegeneinander hat den kurzen Traum von Gemeinsamkeit fast überall wieder ausgelöscht.

Richtig ist es, über den Verlust zu klagen. Falsch ist es, das Falsche dafür haftbar zu machen; das, was Kirchner den "Feinsinn" zu nennen beliebt, die "sogenannte Selbstverwirklichung des Regisseurs", die "ästhetischen Bauchtänze".

So darf ein guter und wichtiger Regisseur, ein Experte für Ästhetik also, über Ästhetik nicht reden. Merkt er denn nicht, daß er damit auch Kunst diffamiert, die er gewiß nicht diffamieren möchte: Noeltes "Tartuffe" wie Peymanns "Tasso", Steins "Homburg" wie Grübers Hölderlin, die Stücke von Strauß, von Handke, von Bernhard? Merkt er nicht, wie gut sein Haßvokabular gegen das Feinsinnige zum Kunstvokabular des ewigen Spießers (ob antidemokratischer oder sozialdemokratischer Herkunft) paßt? Vergißt er denn, wie viele Künstler man mit solchen Vokabeln (dekadent, formalistisch, esoterisch, intellektualistisch) schon totgeschlagen hat, metaphorisch und manchmal auch buchstäblich tot? Kirchner merkt es, wutblind, nicht – weil seine schöne, sympathische Liebe für die Arbeiter verbunden ist mit einem seltsamen Haß, Selbsthaß auf den Kopf-Arbeiter, der schließlich auch ein Arbeiter ist; der einen Anspruch darauf hat, daß man auch seine Helligkeit ernst nimmt, sie nicht mit dumpf-progressivem, pseudoproletarischem Entertainment beleidigt.

Brecht, der wichtigste Beurteiler unserer Lage in diesem Jahrhundert"? Ein Heiliger Vater des Theaters gleichsam, ein Born unsterblicher Weisheit? Ist die Abkehr der meisten wichtigen Theaterleute von Brecht (wie vor kurzem auch Volker Klotz in einem langen, törichten Aufsatz für die Frankfurter Rundschau behauptet hat) wirklich nur politische Faulheit, nostalgische Dekadenz? Oder hängt sie nicht vielmehr damit zusammen, daß sich viele von Brechts Wahrheiten als simplifizierende Halbwahrheiten, als bloße zusammen, ten erwiesen haben – zum Beispiel das ewige Gerede des Egoisten und Menschenverbrauchers B. von der "Freundlichkeit"?