Das schön erscheinende Reich des Kinderbuchs ist eine weltweite Industrie und eine komplizierte Sach- und Scheinwelt mit eigenen Gesetzen. Das sitzt erfolgreich, aber unterschätzt, am Katzentisch von Literatur und Kunst, unterhält eigene Zeitschriften, Symposien, Buchmessen und Preise sowie eine eigene Maßstablosigkeit. Was an Büchern, Bilderbüchern und Postern erscheint, ist flott oder bunt, moralisch brav und patent und vor allem betulich. Die Betulichkeit, eine deutsche Tradition, setzt sich erstaunlich unverfroren fort, sie wird prämiert und für wahr und nützlich gehalten. Da die Kinderbuchwelt eine geschlossene Veranstaltung ist, dringen Kriterien und Maßstäbe kaum in sie ein. Erfolge, Mißerfolge und Kritik sind interne Angelegenheit von Spezialisten. Die Literaturkritik geht nicht auf sie ein, die Kunstkritik hat keine Ahnung von ihr. Die Provokation von außen entfällt; nichts und niemand wird herausgefordert. Kein Autor von Kindergeschichten käme auf den Gedanken, Texte an eine literarische Zeitschrift zu schicken; keine literarische Redaktion käme auf den Gedanken, Gedichte und Prosa für Kinder zu publizieren. Literatur für Kinder und ihre Kritik bleibt auf Frauen-, Familien- und Kinderseiten von Feuilletons beschränkt. Der selbstbewußte Literaturkritiker spricht von Engagement, Moral und Entwicklung der Literatur, er kümmert sich nicht um vermeintliche Kleinigkeiten. Bedeutende Künstlerinnen wie Lieselotte Schwarz oder Lilo Fromm werden mit pseudokritischen Schleifchen dekoriert. Sie erfahren weder Bildkritik noch Werkanalyse, sie erfahren, daß ihre Bildwelt phantastisch sei. Der Kritiker glaubt, ein Bild charakterisiert, ein Buch dem Leser vermittelt zu haben, wenn er von märchenhaften Farben spricht. Ein Autor, Zeichner und Maler wie Janosch wird als Naturtalent gepriesen und konsumiert, und kein Kritiker macht sich die Mühe, hier zwischen Kunstgewerbe und Kunst zu unterscheiden. Ein guter Autor von Kinderbüchern, Michael Ende, hat lange zu warten, bis ihn die offizielle Kritik adoptiert.

Es gibt Autoren, Verlage und also Bücher, die sich vom netten Gelaber unterscheiden, es gibt also Ausnahmen, aber sie reichen nicht aus, die Szene zu verändern. Das Gros der Kinderbuchverlage, mit subtiler Kritik kaum konfrontiert, produziert gefällig, dreist und undifferenziert. Vom Superman-Faschismus bis zum Einschlafbüchlein ist für jedes Gewissen etwas zur Auswahl da. Hier wird jede Art von Geschmack und Geschmacklosigkeit bedient. Hier wird jede Art von Käufer und Leser betäubt. Hier wird gemauschelt und übers Ohr gehauen. Hier wird das Solide, Schöne und Nette gepflegt. Einmal mehr Lebenslüge für jeden Bedarf. In den Artikeln, die hier erscheinen werden, wird, unter anderem, davon die Rede sein.

Während die Wissenschaften – Pädagogik, Soziologie und Psychologie – sich ernsthaft, progressiv und folgenreich mit Kind und Kindheit auseinandersetzen, bleiben die Bücher und Bilderbücher weit dahinter zurück in einem überindustrialisierten Entwicklungsstadium. Die Mehrzahl der Kinderbücher zeigt schwarz auf weiß oder bunt: das Kind wird mit Betulichkeit zugedeckt, an falsche Tonarten gewöhnt und mit beschämend dümmlichen Texten oder pseudophantastischen Handlungen abgefunden. Das Kinderbuch wird für den Käufer gemacht. Da der Käufer von Kinderbüchern (nicht Jugendbüchern) gewöhnlich erwachsen ist, stellt sich die Industrie auf den Erwachsenen ein.

Ein Beispiel für die Fragwürdigkeit von Buchproduktion im schön erscheinenden Reich des Kinderbuchs ist „Der glückliche Prinz“ von Oscar Wilde. Es ist ein sogenanntes schönes Buch, groß gedruckt, fein aufgemacht und scheinbar perfekt. Die Bilder von Jean Claverie sind bestechend à la mode, perfide geschmackvoll und heterogen im Feuilletonstil des Fin de siècle und offensichtlich gut reproduziert. Oberhaupt sieht das alles sehr gehaltvoll aus. Die Geschichte selbst ist ein Kunstmärchen des englischen Dichters, raffiniert erzählt und offenbar sentimental. Der Prinz steht vergoldet als Standbild auf einer Säule, hoch über der Stadt, und blickt in sie hinein. Er bemerkt das Elend in den Häusern und beauftragt eine Schwalbe, den Armen zu bringen, was an ihm selber wertvoll ist. Also die Augen des Prinzen aus Saphir, den Rubin an seinem Schwert und die ganze Vergoldung. Den Kranken und Elenden wird geholfen, die Schwalbe hat den Flug nach Ägypten versäumt und erfriert. Der entgoldete Prinz, eine Statue ohne Wert, wird auf Veranlassung des Bürgermeisters eingeschmolzen. Aber das Herz des Prinzen (es ist aus Blei) läßt sich nicht schmelzen und wird zur toten Schwalbe auf den Müll geworfen. Das ist Gesellschaftskritik in Form eines Kunstmärchens – aber wer kennt den historischen Hintergrund! Die besondere Art dieser Sentimentalität wird dem heutigen Leser nicht zugänglich gemacht. Er wird kaum wissen, daß die Geschichte Wildes auf die soziale Misere des spätvictorianischen England aufmerksam macht. Das Proletariat lebte abgeschnitten von der Gesellschaft in Kälte, Hunger, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Verelendung aller Art. Die großen Industrie- und Hafenstädte und die Slums von London waren höllische Plätze. Das Elend zum Thema einer Geschichte zu machen, war eine humane literarische Attacke gegen Blindheit und Selbstgerechtigkeit des Establishments. Sentimentalität war – etwa, bei Dickens und Wilde – ein genau gehandhabtes Stilmittel, das die Emotionen und Erkenntnisse des Lesers zu erreichen versuchte. Was im schönen Buch des Jahres 1980 freundlich gefühlvoll erscheint, war vor hundert Jahren progressiv. Die sentimentale Attitüde war Qualität. Nichts davon wird dem Leser begreiflich gemacht. Dem schönen, zu schönen Buch fällt die Information zum Opfer. Ein genaues Nachwort hätte verhindern können, daß der Leser in edlen Gefühlen baden geht, und es kann kaum falsch sein, Kindern zuzumuten, die historischen Umstände zu erfahren. Es ist anzunehmen, daß sie – die Kinder – das Märchen verschlingen werden und die Sentimentalität auf natürliche Weise begreifen, aber das ist kein Argument für das Buch. Kinder brauchen, verbrauchen, verschlingen alles. Es geht um den Käufer, die Zielgruppe, den Erwachsenen und auf welche Weise er bestochen wird. Der Illustrator des Buches wird nicht vorgestellt. Der unerfahrene Leser wird kaum unterscheiden, ob der Zeichner ein Zeitgenosse Wildes oder sein eigener Zeitgenosse ist. Die Genauigkeit fällt hübschem Gemauschel zum Opfer. Elegant und harmlos, ein Geschenkartikel. Schöne Bescherung. Christoph Meckel

Oscar Wilde: „Der glückliche Prinz“, mit Bildern von Jean Claverie, aus dem Englischen übertragen von Kurt Baumann; Nord-Süd Verlag, Hamburg; 48 S., 24,80 DM