In ihrem ersten poetischen Buch (nach dem wissenschaftlichen einer Doktorarbeit in Psychologie und Pädagogik) bringt sich die 1950 in Linz geborene, in Klagenfurt lebende Autorin, wie sie es sich im Programm-Titel vornimmt, zum zweiten Mal auf die Welt –

Ursula Adam: "Die Zweitgeburt"; Residenz Verlag, Salzburg, 1980; 112 S., 19,80 DM.

Nicht die Verleihung des Doktor-Titels bedeutet, wie für manche Männer, den Eintritt ins (zweite? erwachsene? wahre?) Leben, sondern der Akt des Schreibens – als Fest-Schreiben von Erinnerung, als Los-Schreiben von übermächtiger Vergangenheit. "Meinen Doktortitel verfüttere ich an italienische Katzen schreibt die Ich-Erzählerin während einer qualvoll-lustvoll erlebten-erlittenen Reise in den Süden und bricht auf zu einer noch ungewisseren Reise – in die eigene Kindheit, in den Kopf und, wie man es mit so heftigem Realismus und solch poetischer Wut der Sprache, der Bilder selten lesen kann, in den Körper, in Gefühle, Stimmungen, Glückszustände, Regungen von Schmerz und Trauer. Wie anders könnte von solchen Empfindungen gesprochen werden, als in der Intensität von Jetzt und Hier?

Es ist keine Marotte, wenn Ursula Adam im (schwierigen) Präsens, nicht in der vertrauten Erzähl-Vergangenheit spricht. Und Sprechen mehr als Schreiben ist diese Beschwörung der bedrückenden Kindheit in einer kleinstädtisch katholischen Familie. Es ist konsequent, daß die Herkunft aus frömmelnder Enge noch den Sprach-Stil eines Buches prägt, das doch ein einziges Dokument der Arbeit ist, sich diesem Milieu von Mief und Muff zu entringen. Die oft rhythmisierte Prosa klingt wie ein Echo liturgischer Litaneien. Immer wieder wird in dieser Absage einer Frau an die patriarchalische Welt einer nur von Priestern vermittelten Religion "Unser Vater" angerufen, als ernste Parodie des alle Christen vereinenden Gebetes. Und, wir sind im katholischen Österreich, gerade die Augenblicke frommer Ekstase werden erlebt als erotische Verzückung und sexuelle Vereinigung, als religiöse Versenkung, mystisches Versinken.

"Erotisches Gebet": auf dieser Definition für ihr Sprechen beharrt die Erzählerin gegenüber dem Freund. Dies, könnte eine brauchbare Charakterisierung für das ganze Buch sein. Das heißt auch: Lieben und Sprechen gehören zueinander. Noch im Liebesgestammel, im Reden über Sex, ist ein Nachhall biblischer Sprache zu hören, etwa des Trost-Spruches Jesajas: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein", in dieser Klage der Frau, die den großen Monolog in der Nacht ihrer Zweitgeburt anstimmt: "Schade, du hast meinen Namen nicht richtig ausgesprochen du hast mich nicht gerufen, im konnte nicht mit dir schlafen."

Die Gefahren, in die sich Ursula Adam begibt, sind offenkundig. Nichts ist hier blasphemisch, manches allerdings hart am Sprach-Kitsch. Aber: die Erzählerin weicht einem Problem, das auch in Werken anderer Autoren aus Österreich rumort, nicht nur nicht aus, sondern macht es gar zum Thema. Wenn noch ein anderes Haupt-Wort der Bibel umgedreht wird und wir lesen: "Das Fleisch ist Wort geworden", müßten wenigstens Ernsthaftigkeit und Konsequenz beachtet werden, mit denen Ursula Adam ihre eigene Lebensgeschichte, in Ansätzen, erzählt – nicht als billig "feministisches" Pamphlet gegen "die" Männer und, den "Unser-Vater", sondern als verzweifelte Geschichte der Suche nach Liebe. Weil sich die Autorin, auch darin kühn, dem Gleiten und fließen von Erinnerungen und Assoziationen anvertraut und ihre in Wahrheit logisch strukturierten Sätze bei unaufmerksamem Lesen den Anschein von ungegliedertem Gerede haben könnten, hat dieses Buch Verrisse von finsterem Unverstand bekommen.

Dagegen sei auf Sprachtalent, Ernst, Eigensinn aufmerksam gemacht – und auf den Mut, mit dem die Autorin sich vortastet in ein für Struktur und Psychologie neues Gebiet der Erzählung. Daß eine Österreicherin erzählt, merkt der Leser an der leichten, in Wortspiele bis zur Pointe, bis zum Kalauer verliebten Behandlung der Sprache, etwa wenn "Wahnsinn" einmal so entschlüsselt wird, wie es auch als Motto über diesem dem Wahnsinn der Selbsterforschung verschriebenen Buch stehen könnte, als "Sinn im Wahn".

Rolf Michaelis