Werner Vordtriede: „Geheimnisse an der Lummer“

Von Christa Melchinger

Hat Werner Vordtriede, der Münchner Professor für Germanistik und Komparatistik, ein Insider-Buch geschrieben? Ja, auch ein Insider-Buch. Man sollte schon bewandert sein in der deutschen Literaturgeschichte, ebenso in der englischen und möglichst auch in der französischen; man sollte Nietzsche gelesen haben, Heine kennen, seinen Goethe parat haben; man sollte auch mit anderen Künsten vertraut sein, vor allem mit Malerei und Architektur; man sollte sich in der abendländischen Philosophie auskennen und vor allem sollten einem die Theorien der Farbenlehre nicht fremd sein.

Doch was das Wissen anbelangt, so geht es einem mit diesem Buch nicht anders als sonst im Leben: man sollte es haben, aber es geht auch ohne: Es ist kein Geheimbuch für Eingeweihte, aber es ist ein geheimnisvolles Buch. Dieses Buch führt auf brillante Weise die Anwendung der romantischen Ironie vor, aber es ist kein romantisches Buch. Es ist ohne den Begriff des Symbols nicht faßbar, aber es ist kein symbolisches Buch. Es präsentiert ein virtuos konstruiertes geistesgeschichtliches Kaleidoskop, aber es ist kein virtuos ses Buch, auch kein parodistisches. Was ist es dann? Nun, es ist ein Roman, und als solcher will es zunächst gelesen sein.

Ein amerikanischer Professor deutscher Herkunft beschließt, sein freies Jahr in der alten Heimat zu verbringen. Eines Tages findet er sich in einer jener romantischen deutschen Kleinstädte wieder, die sich durch einen gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern auszeichnen. Die alten Mauern bergen ungeahnte Möglichkeiten für ihn. Zweimal öffnet ihm. ein Doppelgängererlebnis den Weg in ein anderes Leben, Gelegenheiten, die er freudig ergreift, da es ihm vor allem um Erweiterung seiner Selbsterkenntnis zu tun ist: Einmal ein anderer sein...

Zuerst schlüpft er in die Existenz eines Malers: möglich geworden durch dessen plötzlichen Tod, an dem der Professor gerade soviel Anteil hat, daß man vom Opfer, aber nicht vom Mörder sprechen kann. Der Professor allerdings tut nicht einmal das: „Er war, entschied er, kein Mörder und Rauh nicht das Opfer, sondern seine Metapher.“

Auch im zweiten Fall geht es ganz unblutig zu. Der Professor „verliert“ sein zweites „Nicht-Ich“, wie der Fichte-Kenner seine Doppelgänger tituliert, diesmal einen Architekten, in den labyrinthischen Gängen eines stillgelegten Silberbergwerks, in dem er schon die Leiche des ersten deponiert hat.