Von Rudolf Walter Leonhardt

Wer Englisch Zu lernen versucht hat, dem wurde vor dreißig Jahren noch „the King’s English“ als Vorbild empfohlen. Als Königin Elisabeth II. auf den Thron kam, hieß es dann „Queen’s English“. Aber die Königin sprach nur noch selten öffentlich. Ein neues Vorbild wurde an den großen Universitäten gefunden: Oxford English. Die Studenten waren dann jedoch die ersten, die vorbildliches Sprechen als reaktionär empfanden. Heute empfiehlt man Ausländern und Aufsteigern, wenn sie vorbildliches Englisch lernen wollen, die Sprache der British Broadcasting Corporation, des englischen Rundfunks und Fernsehens.

Könnte man einem Engländer die Sprache des deutschen Fernsehens empfehlen? Guten Gewissens könnte ich das nicht.

Wo von der Sprache des Fernsehens die Rede ist, ist nicht die Sprache der Filme und Fernsehspiele gemeint, sondern die hauseigene, die von den Redaktionen hergestellte, wie sie in Nachrichtensendungen, Interviews, Kommentaren, sogenannten Gesprächsrunden und Sportreportagen zu hören ist.

Dieses Deutsch des deutschen Fernsehens ist sicher nicht unzulänglicher als das des Rundfunks und das vieler Zeitungen. Vor allem illustrierte Zeitschriften wären vergleichbar. Auch dort herrscht ja in manchen Redaktionen die Auffassung noch immer vor, allein auf die Bilder komme es an und die Worte hätten nur die Funktion, zu verhindern, daß ein Bild direkt an das andere stößt, sie liefern „Grauwerte“. Beim Fernsehen lieferten sie dann also gewissermaßen eine Tonkulisse.

Freilich wird nichts auf der Welt so weit verbreitet wie eben diese Tonkulisse. Ob man das in den Fernsehredaktionen will oder nicht: Kein Deutsch wird so viel gehört wie das Fernsehdeutsch, kein Deutsch ist daher so sehr Vorbild. Daraus leite ich die Forderung ab, daß es auch vorbildlich sein sollte. Eine vorbildliche Sprache ist korrekt, konkret und spontan.

Was mit korrekt nicht gemeint ist, geht schon daraus hervor, daß ich dieses Wort so wie auch „konkret“ und „spontan“ bewußt verwende. Ich führe keinen Feldzug gegen Fremdwörter. In einer Welt, in der – gerade auch mit Hilfe des Fernsehens – der Kommunikationsfluß so ungehindert Sprachgrenzen überschreitet, hielte ich es für falsch, wenn man allzuviel Mühe darauf verwendete, den Fluß von fremden; Fischen zu reinigen. Die Sprachen der Industriestaaten werden immer internationaler. Und selbst wenn einer das für ein Unglück hielte, könnte er daran nichts ändern.