Von Ulrich Greiner

So unangenehm war mir lange kein Buch. Josef Winklers Roman. „Der Ackermann aus Kärnten“ ist ein: Exzeß der Metaphern, ein Abzeß der Sprache. „Das Band meines Speichels. umschlingt die Spule seines Halses.“ – „Wie schwarze Nabelschnüre sehen die Schollen aus.“ – „Den Leichenzug führt das Kruzifix an wie ein. Feldmarschall mit dem schneidigen Atem eines handkantenscharfen Kreuzzeichens – „Als mein Kinderfuß auf den Rücken eines Frosches trat, seine Augen wie Kugeln aus einem Repetiergewehr unter der Wucht des Kinderfußes aus ihren Höhlen schossen, raschelte es im Gebüsch meiner Stirnhöhle.“

Mühsam stolperte ich von Seite zu Seite, durchs Dickicht schräger Bilder, unpassender Vergleiche; ein einziges Stilblütengestöber. Doch Doch nach und nach begann ich zu zögern. Wer ein paar verunglückte Metaphern verwendet, kann nicht schreiben. Wer jedoch, ein paar hundert verunglückte Metaphern gebiert, hervorstößt, ausspuckt, der muß wohl schreiben können. Er verunglückt mit Fleiß, er haut der Sprache ihre Regeln um die Ohren, er verstößt, wo, er nur kann, gegen den guten Geschmack.

Auch der „Ackermann aus Böhmen“ (um 1400) des Johann von Tepl verstieß gegen die Regel: gegen das Gebot der gebundenen Rede. Ohne Versfuß und Reim, in diskursiver Prosa schleudert der Ackermann seine Anklage gegen den Tod- und fordert die Herausgabe seiner Ehefrau.

Winklers Regelverstöße sind sprachgewordene Not. Er zeigt uns eine beschädigte Kindheit. Eingezwängt in die soziale Kontrolle einer österreichischen Dorfgemeinschaft, bewacht von Schule, Kirche und Familie, fühlt sich der Ich-Erzähler verstoßen vom Vater, mißachtet von den Mitschülern, geliebt nur von der Mutter und von einem homosexuellen Freund. Frühkindliche Schreckenserlebnisse verfolgen ihn bis in die Träume: Die Mutter, die den Hahn mit dem Beil köpft und über das hervorschießende Blut Sägemehl streut; die Bauern, die, mit dem Kalbstrick das Kalb aus dem Bauch der Kuh zerren; die Tante, die den nackten Leib der toten Großmutter wäscht; der Vater, der die Mutter begattet.

Psychoanalytische Theorien über die Entstehung von Homosexualität fänden in diesem Roman reiches Material. Er geht jedoch darin nicht auf. Wie in Winklers erstem Buch „Menschenkind“ (1979) ist auch hier nicht, wie es den Anschein hat, die Bergbauernwelt das Thema, sondern die Beziehung zwischen Sohn und Vater, zwischen Sohn und Mutter. In einer ausweglosen Situation eröffnet die Homosexualität, als Verweigerung und Protest, den Ausweg. Ihren Skandal setzt Winkler in den Sprachskandal um. Homoerotische Phantasien überfluten die Kindheitsbilder. Er schläft mit dem Vater, er tötet den Vater, er tötet sich selbst und gibt seinen Leib der Mutter zur Speise. Fleisch und Blut, Speichel und Sperma, Leichnam und Kruzifix sind die wiederkehrenden Chiffren dieser Prosa. Winkler versenkt sich in den Tod bis zur Nekrophilie, Geburt und Zeugung verursachen traumatischen Ekel.

Wenn ästhetische Sublimation die Bändigung des Triebs heißt, dann weiß Winkler nichts von ihr. So wie Genet oder Bataille nichts von ihr wußten. Die unterdrückte, angstvolle Kindheit bläht Winkler zu phantasmagorischen Metaphern auf. Die Bilder und Vorstellungswelt des Katholizismus nutzt er blasphemisch. „Vater, dir leb ich, Vater, dir sterb ich“ spricht er zu seinem Erzeuger, der die Liebe des Gezeugten verschmäht. Das ist Hohn und Gebet zugleich. Winkler erneuert die Provokation, die Jesus von Nazareth einst war, jener Mann, der behauptete, von einer Jungfrau geboren zu sein, und der sich mit Männern umgab, dessen Lehre, wenn man sie nur entfernt genug betrachtet, von einer erschreckenden, nahezu kannibalischen Metaphorik erfüllt ist. „Ich bin aus Fleisch und Blut“; schreibt Winkler, und verknüpft dies, gläubig und gotteslästerlich, mit der Sehnsucht auf einen Tod; der die Auferstehung ist. Der Ministrant stiehlt die Hostien und den Wein, er ißt das Fleisch, und er trinkt das Blut. Blutsbrüderschaft schließt er mit seinem Freund; Blut sieht er überall.