Es hatte ihn niemals eine Mode interessiert: Alle Richtungen, in denen Architekten sich probierten, mied er, Ideologien, blieben ihm fremder "baute am Bild der Welt, nicht für den Trend der Zeit", heißt es über ihn, und da sich das Bild der Welt den Menschen "durch den Ort, an dem sie leben", vermittele, sei die Welt der Ort, an dem wir leben; "das Ortsbild ist unser Bild der Welt". Als er fünfundsechzig war, machte die Technische Hochschule Darmstadt ihn zum Ehrendoktor, wenig später verlieh ihm das Land Nordrhein-Westfalen seinen Großen Kunstpreis, dann bekam er das Große Bundesverdienstkreuz. Und als er 1968 starb, widmeten ihm die Christlichen Kunstblätter ein ganzes Heft, und im vorigen Jahr pries ihn die Bauwelt. Verehrt von seinen (zeitlebens wenigen) Mitarbeitern, gelobt von ein paar Kennern, ist er jetzt zum erstenmal das Thema einer schönen Ausstellung geworden, die bis Silvester in der Bielefelder Kunsthalle zu sehen ist. Auf einmal ist er ein Name, sind seine Arbeit ein Thema, mehr noch: ein Gegenstand, von dem sich heute offensichtlich lernen läßt. Es geht um den Architekten Emil Steffann, 1899 in Bethel geboren, 1968 in Bad Godesberg gestorben.

Zu seinen Bewunderern zählen einander so fremde Leute wie der in der Geschichte stöbernde Architekt Leon Krier in London und der der Gegenwart fest verhaftete Josef Lehmbrock in Düsseldorf. Und wenn man den Huldigungen folgt und das Werk im Auge hat, ist der Eindruck nicht fern, daß es sich beinahe um einen Heiligen der Baukunst handelte. Dieser Eindruck ist sicherlich falsch, wie heftig er sich einem auch beim Betrachten dieser spröden, knorrigen, bäuerischen Architektur aufdrängt.

Emil Steffann, der als Bildhauer begonnen hatte, war bei der Atelierarbeit in Assisi zum katholischen Glauben konvertiert. Dort hatte ihn, wie der Theologe Günter Rombold anmerkt, der "Geist franziskanischer Armut" so bewegt, daß er seinen Bauwerken später starke Züge von Askese gab. Er träumte vom einfachen Leben und baute dafür. So wirken seine Einfamilienhäuser und die etwa vierzig Kirchen, die er entworfen hat, als habe es sie immer schon gegeben. Es hätte ihm wahrscheinlich mißfallen, wenn Leute vor einem seiner Gebäude fragten, wer der Architekt sei.

Wie es zu seiner Zeit noch möglich war, hat er Architektur nicht studiert; er hat sich seine Fertigkeiten autodidaktisch erworben, als Lehrling und in Privatkursen. Er begann mit dem Bau kleiner Wohnhäuser, lernte den Kirchenbauer Rudolf Schwarz kennen, machte seine ersten wichtigen Erfahrungen bei der Planung des Wiederaufbaus zerstörter Dörfer in Lothringen Anfang der vierziger Jahre, vor allem in Bust, wo unter anderem die "Scheunenkirche" entstanden ist, ein für Steffann exemplarischer Bau. Seine Quellen waren die Tradition und die Landschaft.

Nach dem Kriege war er eine Zeitlang leitender Baudirektor von Lübeck, ehe er sich als freier Architekt in der Nähe von Bonn selbständig machte. Zu seinen großen Bauwerken gehören das Kartäuserkloster Marienau im Allgäu, vor allem die Pfarr- und Gemeindezentren in Hausberge Porta, Krefeld, Köln-Lindenthal und Köln-Höhenhaus sowie der Wiederaufbau des Doms in Münster und der Bonifatiuskirche in Dortmund.

Emil Steffann verwendete meist natürliches, ortsübliches Material (wie Ziegel- und Naturstein und da, wo es erforderlich war, Beton; am liebsten verwertete er altes Gemäuer und Trümmergestein); er achtete auf äußerste handwerkliche Sorgfalt (und hielt die handwerkliche Produktion in der Architektur für ein wesentliches Mittel, mit ihr vertraut zu werden); er entwarf, wie er es nannte, "ortsgerecht", vor allem: "sinngerecht" (also sinnlich und sinnvoll, weil es ihm gleichermaßen auf die Sinne und den Sinn ankam); er bemühte sich, so uneitel, so echt, so "normal" wie möglich zu bauen (und als gelerntem Bildhauer war ihm die lebendige plastische Struktur einer ruppig gemauerten Wand aus unregelmäßigen Backsteinen lieber als eine gezirkelte glatte).

"Steffanns Werk", so schrieb der Baukunst-Professor Heinrich Bartmann, "berührt uns so stark, weil er sich durch nichts beirren und ablenken ließ, weil er mit heiterer Askese und musischer Nüchternheit Gotteshäuser und Menschenwohnungen geschaffen hat." Er baute einfach, aber keine seiner Bauten ist deswegen dürftig geraten. Er trachtete nach äußerster Bescheidenheit, aber kein Bauwerk wirkte deswegen ärmlich. Als ein mit Notzeiten vertrauter Mann beschränkte er sich gern auf das Notwendige, das genügte, "um Not zu wenden", aber er beließ es deswegen nie bei "nackten Wänden" und gab seinen Häusern einen schwer zu beschreibenden inneren Glanz. "Das Gute", sagte er, "ist unendlicher Inhalt von vollkommener Einfachheit". Später, als das Wirtschaftswunder ungebremst seinen Lauf nahm, verweigerte er sich dem Überfluß wie dem banalen Rationalismus industrieller Bauproduktion. "Eine Ordnung", sagte er, "die Wirtschaft und Verkehr höher bewertet als den Menschen, können wir nicht als verpflichtend anerkennen."