/ Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Dezember

Die Sorge der DDR-Führung vor der Entwicklung in Polen lugt aus allen Zeitungsspalten. Aber die Partei-Agitatoren tun sich schwer. Was sie wollen, wird dennoch ziemlich klar, wenn man täglich die DDR-Presse durchblättert.

Die neuen polnischen Gewerkschaftsführer sollen als antisozialistisch und konterrevolutionär dargestellt werden. Die DDR-Gewerkschaft FDGB dagegen wird mit konkreten Beispielen als erfolgreiche Verfechterin von Arbeiterinteressen vorgeführt. Die klassenbewußten Arbeiter in der DDR sind aufgefordert, ihren Klassenstandpunkt vor allen anderen Kollegen täglich konsequent zu vertreten. Und die Macht der Partei sowie das feste Bündnis mit der Sowjetunion werden als unaufgebbare Voraussetzung für den weiteren Weg des Sozialismus in der DDR ausgegeben.

Überaus aufschlußreich ist, wie diese Ziele den DDR-Bürgern nahegebracht werden. Kaum irgendwo gibt es grundsätzliche Artikel, Erläuterungen, Analysen. Alles wird den Lesern auf indirekte Weise beigebracht: durch Zitate ausländischer Zeitungen, in abstrakten Reden zum Parteilehrjahr, in "Wortmeldungen" von Werktätigen zum bevorstehenden X. SED-Parteitag. Die SED will ihre Bürger vor Gefahren warnen, die im einzelnen nicht beschrieben werden; sie will sie zum Handeln auffordern, ohne die Hintergründe zu erläutern.

Wer nur auf die Presse der DDR angewiesen wäre, der wüßte kaum, was sich da in Polen abspielt. Da spricht man von der Notwendigkeit verstärkter Anstrengungen zur Konsolidierung der polnischen Arbeiterpartei und von der erforderlichen "Rückkehr zu den Leninschen Normen des Parteilebens" – will sagen, zum "demokratischen Zentralismus" und zum Widerstand gegen alle fraktionellen Tätigkeiten. Da wird von "dramatischen Tagen" und einem Fieberzustand geschrieben, "der den gesamten gesellschaftlichen Organismus erschöpft, und vernichtet". Und weil es anscheinend an geeigneten Zitaten mangelt, wurde am Montag im Neuen Deutschland der gleiche Bericht gleich zweimal abgedruckt: einmal als ADN-Bericht, gestützt auf die polnische Presseagentur, einmal als Bericht der sowjetischen Agentur TASS.