Wie es aber zu dem angeblichen Fieberzustand in Polen hat kommen können, was die Eskalation bewirkt hat, dasi/wird den Lesern in der DDR mit keinem Wort erläutert. Dann müßte nämlich auch erklärt werden, wieso nach 35 Jahren Sozialismus in Polen die führende Kraft im Staate, die Partei, plötzlich hilflos durch die Krise laviert und warum Millionen von Arbeitern, kaum daß sie eine Möglichkeit zur Selbstorganisation sehen, den etablierten Gewerkschaften scharenweise davonlaufen.

Mit der Figur des Arbeiterführers Lech Walesa allein ist das ja nicht erklärt. Auf ihn aber konzentriert sich das bißchen eigener Berichterstattung in der DDR-Presse, als sei dieser kleine Mann imstande, die führende Kraft in Polen in Bedrängnis zu bringen. Auch hier aber wieder ein logischer Bruch: Walesa wird zugleich als antisozialistisch-konterrevolutionär und dümmlichnaiv dargestellt. Seine ironischen Antworten auf westliche Interviewfragen – "Wir könnten die Schweiz oder Schweden auffordern, uns bei der Landwirtschaft zu helfen" – werden bierernst genommen und als Beweis dafür gewertet, was für ein Phantast dieser Walesa sei. Und Walesas Antwort auf ein Grußtelegramm der italienischen Faschistenorganisation MSI – hinter deren Namen Movimento Sociale Italiano ein polnischer Arbeiter ja nicht gleich eine rechte Partei vermuten kann – dient als Beleg für die antikommunistische Einstellung Wälesas.

Die Zuspitzung dieser Kampagne läßt nichts Gutes ahnen. Sie dient der DDR-Führung zunächst einmal dafür, alle gesellschaftlichen Kräfte möglichst eng um Staat und Partei zu scharen. So beschloß das SED-Politbüro in der vergangenen Woche, ein entscheidendes Anliegen der Partei bestehe darin, "im politischen Gespräch mit den Werktätigen, besonders der Jugend, die Vorzüge und Werte des Sozialismus und seine Überlegenheit über das menschenfeindliche System des Kapitalismus bewußter zu machen. Noch überzeugender gilt es den Nachweis zu führen, daß die unablässige Stärkung der politischen Macht der Arbeiterklasse die Kernfrage der sozialistischen Revolution ist und bleibt, daß dafür die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei unverzichtbare Bedingung ist. Das Klassenbündnis mit der Sowjetunion als sicheres Unterpfand für die weitere Entwicklung der DDR, für Frieden und gesellschaftlichen Fortschritt in der Weit, ist noch tiefer im Bewußtsein der Massen zu verankern."

Hingegen sollen die Versorgungsschwierigkeiten und andere wirtschaftliche Probleme möglichst aus dem Bewußtsein der Massen verscheucht werden. In dem Beschluß des Politbüros heißt es nämlich weiter: "Entschieden ist jenen entgegenzutreten, die geringschätzig über die Errungenschaften des Sozialismus urteilen oder sie verleumden." Natürlich werden dann auch gleich genügend parteitreue Arbeiter aufgeboten, die solche Beschlüsse beherzigen.

So erklärte Kurt Naujokat, Brigadier im VEB Bergmann-Borsig: "Täglich versucht der Klassengegner von jenseits der Staatsgrenze, uns eins auszuwischen, um zu versuchen, das Rad der Geschichte zu seinen Gunsten zurückzudrehen. Die Möglichkeiten seiner Massenmedien nutzt er zur Entstellung und Diffamierung unseres sozialistischen Staates und seiner Errungenschaften. Daher gehört es zu unseren täglichen Aufgaben als Kommunisten, offensiv und mit überzeugenden Argumenten diesen Machenschaften keine Chance zu geben."

Vor allem geht es der SED dabei natürlich um die Festigung ihrer Macht, die oberstes Dogma von Staat und Partei ist. Die führende Rolle der Partei gilt als Voraussetzung jeder weiteren Entwicklung, und nur mit einer Mischung aus Verachtung und Sorge können die SED-Funktionäre auf den Machtverlust der polnischen Bruderpartei blicken. So versicherte Erich Honecker vor einigen Wochen in Gera: "Entscheidend ist und bleibt, daß wir die Macht der Arbeiter und Bauern, das Fundament der Freiheit des werktätigen Volkes, von Anfang an gesichert, ständig weiter gefestigt und verteidigt haben. Niemandem wurde gestattet und wird es je gestattet werden, mit ihr zu spielen oder sie gar anzutasten."

Das sind deutliche Worte. Aber zugleich werden die DDR-Bürger auf möglicherweise schwierige Zeiten vorbereitet. So heißt es in einem Artikel zum Parteilehrjahr, der am letzten Wochenende erschien, wer die Frage der Macht verstehe, der werde auch im Klassenkampf nicht erschrecken. "Er wird fest stehen, wenn es zu jähen Wendungen in der Politik kommt. Er wird, da er um die Gesetzmäßigkeit des Sieges des Sozialismus weiß, unbeirrbar und kämpferisch unseren Standpunkt, den politischen Kurs der Partei, vertreten, andere von seiner Richtigkeit überzeugen und die imperialistische Hetze offensiv zurückweisen."

"Jähe Wendungen in der Weltpolitik" – das war bisher das Synonym für die angebliche Gefahr eines Überfalls des "bis an die Zähne bewaffneten" Gegners auf die sozialistische Staatengemeinschaft. Diesmal klingt es anders. Die Möglichkeit "jäher Wendungen" ist im eigenen Lager entstanden.