Zum Schutz ihrer heimischen Textilunternehmen haben die westlichen Industrieländer mit den Entwicklungsländern ein Selbstbeschränkungsabkommen geschlossen, das 1978 in Kraft trat und 1981 ausläuft. Die europäische Textilindustrie drängt nun auf eine Verlängerung des Schutzes gegen „Billigimporte“. Die deutschen Arbeitgeber und Gewerkschaften der Branche werfen der EG-Kommission und dem Bundeswirtschaftsminister zu geringes Engagement vor und versuchten, die Politiker mit einem einstündigen Proteststreik am Dienstag unter Druck zu setzen.

ZEIT: Graf Lambsdorff, Sie haben es mit den Gewerkschaften zur Zeit nicht leicht. Nach den Auseinandersetzungen um die Mitbestimmung hat nun die IG Textil am Dienstag im Rahmen einer europäischen Aktion einen einstündigen Wein- und Proteststreik veranstaltet, der sich auch gegen Sie persönlich, nämlich „gegen die völlig irreale und unsoziale Politik des Bundesministers für Wirtschaft“ richtet. Mußte ein solcher Widerstand überhaupt gegen ein neues Abkommen zur Einschränkung von Textilimporten überhaupt gebrochen werden?

Lambsdorff: Er war gar nicht vorhanden. Die Streikaktion und auch die besondere Spitze gegen mich war in meinen Augen auch ziemlich überflüssig. Die Bundesregierung ist seit längerer Zeit der Auffassung, daß das Welttextilabkommen verlängert werden muß. Aber darüber kann frühestens 1981 verhandelt werden, weil wir dazu eine wieder handlungsfähige amerikanische Regierung und die Europäische Kommission brauchen. Die IG Textil hat sich – wie ich finde zu Recht – über die Brüsseler Kommission geärgert. Aber sie demonstriert gegen eine Kommission, die schon in vier Wochen nicht mehr im Amt sein wird.

ZEIT: Wurde darüber bei Ihrem Gespräch mit der Gewerkschaft jetzt ein Einvernehmen erreicht?

Lambsdorff: bei dem Gespräch mit der Gewerkschaft und den Arbeitgebern waren wir uns einig, daß wir, ein Abkommen brauchen, daß es eine vernünftige Laufzeit haben muß und daß mit besonderer Aufmerksamkeit über die künftigen Zuwachsraten beim Textilimport nachgedacht werden muß.

ZEIT: Mit der Forderung der Bundesrepublik nach einem freien Welthandel sind solche Abkommen kaum in Einklang zu bringen.

Lambsdorff: Ich habe keinen Zweifel daran gelassen, daß ein-solches Abkommen für uns einen Ausnahmetatbestand darstellt, der nicht recht in die Landschaft paßt. Aber wenn das Abkommen nicht erneuert wird, würde dies dazu führen, daß die Industrieländer ihre Märkte im Alleingang abschotten – und das wäre für die Entwicklungsländer noch nachteiliger.