Europas Umgang mit der Zeit – zurückverfolgt bis an seine Ursprünge

Von Harry Pross

Abweichend von der vielfach üblichen Kritik an der westlichen Zivilisation bemüht sich diese Arbeit darum, die auch aus dem Zeitbewußtsein heraus erwachsene Tugend und Tüchtigkeit Europas zu verstehen und einen Kern der Dynamik in der westlichen Welt und die Wurzeln des Fortschrittsdenkens zu ergründen. Im Vergleich mit anderen früheren oder zeitgenössischen Kulturen wohnt der westlichen Zivilisation eine Dynamik inne, die nicht zuletzt aus der besonderen geistigen und seelischen Verarbeitung der Begegnungen mit dem Phänomen Zeit folgert. In der gegenwärtigen Konfrontation der westlichen mit der Dritten Welt handelt es sich auch um die Begegnung einer durch das Zeitbewußtsein geprägten, motivierten und aktivierten Welt mit Völkern, denen diese Erlebnisse, Erfahrungen und Denkweisen fremd sind. Dies ist ein zusätzlicher Grund für Europa, sich über seine geistesgeschichtliche Entwicklung klarzuwerden.“

Diese Sätze umreißen die Anlage einer Untersuchung, die zu jenen großen Büchern gehört, die quer zu allen Disziplinen liegen:

Rudolf Wendorff: „Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewußtseins in Europa.“ Westdeutscher Verlag, Opladen 1980; 720 S., 48,– DM.

In der Konfrontation des Europäers mit den außereuropäischen Kulturen, wie sie der Massentourismus und die expandierenden Geschäftsbeziehungen vermitteln, liegt tatsächlich eine Chance, sich der nur begrenzten Geltung der eigenen Zeitbegriffe bewußt zu werden. Übrigens nicht nur in der Begegnung mit außereuropäischen Kulturen. Auch innerhalb Europas und innerhalb Deutschlands geht man unterschiedlich mit der Zeit um: Die Zeittoleranzen schwanken auch zwischen den Lebensaltern, die sich vom industriellen Arbeitsritus unterschiedlich erfaßt sehen.

Das Zeitbewußtsein, das der Autor hier als Faktor der Tugend und Tüchtigkeit Europas meint, ist das Zeitbewußtsein von Leuten, die über die Zeit anderer verfügen können und damit arbeiten. Das ist der Anfang aller Macht von Menschen über Menschen. In Wendorffs „Geschichte des Zeitbewußtseins in Europa“ steht das Kapitel „Zeitnutzung durch Leistung in Wirtschaft und Sport“ unter dem Abschnitt: „,Tempo‘ als Phänomen des 20. Jahrhunderts. Die Realität, die Begeisterung im ‚Futurismus‘ und die kritischen Stimmen“.