Maria schaut mich freundlich an, schüttelt leicht den Kopf und zeigt nach draußen in den strahlenden Sonnenschein. „Nein“, antworte ich gehorsam, „heute regnet es nicht.“ „No, no llueve hoy“, wiederholt sie und betont besonders sorgfältig.

Maria und drei ihrer Kolleginnen sollen mir Spanisch beibringen: Zwei Wochen haben sie Zeit dazu, je zehn Stunden am Tag. Ein solcher Kurs geht von der Idee aus, daß der Schüler völlig in die fremde Sprache eintaucht, kein Wort Deutsch spricht und die neu erlernten Wörter durch ständigen Gebrauch einübt.

Am Anfang ist das recht mühsam. Mit dem Wortschatz eines Kleinkindes taste ich mich an den Übungsstücken entlang, kämpfe mit Konjugationen und Pronomen, die nach- oder vorgestellt in verwirrender Vielfalt um die Verben herumlungern. Die Damen wechseln sich alle zwei Stunden ab. Die zehn Minuten Pause, die dann folgen, reichen gerade, um einmal tief durchzuatmen. Schon geht die Tür wieder auf und die nächste harte Lektion beginnt: Da gibt es keinen Vordermann, dessen breiter Rücken Schutz bietet, alle Fragen, sind unweigerlich an mich gerichtet.

Jedenfalls habe ich am Abend des ersten Tages sechs Lektionen samt Übungen hinter mir, wacklige Knie und die Befürchtung; daß ich es nicht schaffe. Allein mit der Grammatik, die mir heute eingepaukt wurde, könnte sich eine normale Schulklasse bequem zwei Wochen lang vergnügen.

Zu Hause höre ich in die Sendung für spanische Gastarbeiter rein. Wie erwartet, sprudeln die Sätze an mir vorbei, von Verstehen keine Spur. Nach einer Woche aber kann ich immerhin schon Teilen der Sendung folgen. Die Nachricht ten, deren Inhalt ich aus dem deutschen Programm kenne, machen jetzt keine Schwierigkeiten mehr. Ein bescheidener Erfolg, obwohl ich eher wiedererkenne, als wirklich verstehe.

Auch die Gespräche im Unterricht werden interessanter. Zwar müssen sich die Gedanken immer noch mit sehr wenigen bekannten Worten als Transportmittel begnügen, aber die Fortschritte sind spürbar und allmählich wandelt sich dieser Kurs zu einer Begegnung mit Spanien, Südamerika und den Menschen, die dort leben.

Drei meiner Lehrerinnen kommen aus Spanien, die vierte aus Argentinien. Sie erzählen mir von ihren Ländern, und manches erhält durch diese persönlichen Mitteilungen ein ganz neues Gewicht. Noch ist die Brücke der gemeinsamen Sprache kein sehr imposantes Bauwerk, aber sie verbindet zumindest.